Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Frisör
Eine unglaubliche Geschichte wird uns da erzählt, so abstrus, dass sie durchaus wahr sein könnte. Zwei Kinder wachsen als Freunde zusammen auf, von denen einer Jude ist, der andere nicht: Max Schulze und Itzig Finkelstein. Der Deutsche geht bei den jüdischen Nachbarn, die einen Friseursalon betreiben, nicht nur ein und aus, sondern schließlich sogar in die Lehre. Als die Nazis an die Macht kommen und ihr Vernichtungsprogramm beginnen, trennen sich die Wege der beiden Freunde. Max Schulze wird williges Werkzeug der Nazis und ermordet im KZ tausende Juden, darunter seinen Freund Itzig und dessen Familie. Nach dem Krieg nimmt der Deutsche die Identität Finkelsteins an, um unterzutauchen und seiner Betrafung zu entgehen. Diese Rolle spielt er schließlich so perfekt, dass er selbst kaum noch seine wahre Identität zu erinnern scheint und sich für das jüdische Volk und das Streben nach einem eigenen Staat "engagiert".
Edgar Hilsenrath, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, setzt dem eigentlich schon Undenkbaren, nämlich dem Holocaust, noch eines drauf. Tatsächlich fragt man sich irgendwann, ob dieser Rollentausch wirklich so viel absurder ist, als der planmäßige Massenmord an einem Volk, in dessen Kontext er stattfindet. Mit sehr, sehr schwarzem Witz und einer lakonischen, oft auch vulgären Sprache werden wir "Zeuge" einer Geschichte, die gerade dadurch so bewegt, dass sie zwar extrem bizarr, aber dennoch durchaus denkbar ist.
Den Roman veröffentlichte Hilsenrath übrigens zunächst in den USA in englischer Sprache, wo er ein großer Erfolg wurde und Hilsenrath seinen weltweiten Durchbruch verschaffte. Trotzdem lehnten mehr als 60 deutsche Verlage das Manuskript ab...