Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten
Der Titel ist furchtbar und wahrscheinlich vom Verlag durchgesetzt, um den Absatz des Buches zu bremsen. Ich habe es trotzdem gekauft und fand es wunderbar.
Es ist schwer, etwas über dieses Buch zu sagen, ohne Dinge vorwegzunehmen, die sich erst nach und nach erschließen sollen. Eine zu genaue Inhaltsangabe würde das Lesevergnügen erheblich stören.
Deshalb nur soviel: es geht um die Frage nach Grenzen unserer Ethik, unseres Fortschrittsglaubens und nach dem Wert menschlichen Lebens. Ishiguro entführt uns mit betont sachlicher, nur leicht akzentuierter Sprache in eine eigene Welt im England einer nicht näher bestimmten Zeit. Der Roman könnte in naher Zukunft spielen oder auch jetzt. Und genau das ist letztlich das Verstörende daran: eine grauenhafte Idee, die wir gern in die Zukunft abschieben und sie so gewissermaßen entsorgen, erweist sich durchaus gegenwarts-möglich. Ein an sich entsetzlicher Vorgang wird von den beteiligten Figuren – von uns – als ganz normal und keineswegs erschreckend wahrgenommen.
Leben wir vielleicht schon in der Zukunft, die wir uns zum gruseligen Vergnügen gern schwarz malen? Der Roman zeigt, dass das der Fall sein könnte.