OHN MACHT
Tage der Ohnmacht – Ohnmacht vor allem.
Es geht um Macht. Es geht immer um Macht. In der Natur, in der Politik, in der Religion, in der Kommunikation, in jeder zwischenmenschlichen Interaktion geht es um Macht. Die meisten Leute sind ohn' Macht und deshalb fallen sie um. Kaum sind sie mit einer Sache fertig geworden, haben es gut gemacht, schon stehen sie vor neuen Aufgaben, sind wieder unvorbereitet und ohn' Macht. Das ganze Leben ist ein Kampf gegen die Ohnmacht. Die Thinkpinker nennen es Herausforderung. In Wahrheit ist es aber eine Last. Eine Lebenslast, die einen nicht schlafen lässt, die man permanent wälzt, die man mit Drogen zu betäuben Sucht. Ohnmacht ist ein vielfältiges, vielfarbiges, vielgraues Vieltier und erschlägt einen immer. Thinkpinker sagen: Es reizt sie oder neuerlich: Es gibt ihnen den Kick. Auf der anderen Seite lassen sich die Ausgebrannten in Ausgebranntenkliniken behandeln. Das alles gilt besonders für Sie, Man und Einen.
Ich sitze ohnmächtig zwischen den Stühlen. Will und will nicht, kann und kann nicht, soll und kann nicht, will und soll nicht.
Im Verhältnis gesehen, ist das Jammern auf hohem Niveau, das ist klar, aber im Verhältnis empfinde ich nicht. Es geht immer um Macht und es gibt Tage, da bin ich von Ohmacht erschlagen. An anderen strotze ich vom Gegenteil, vor Macht und Selbstbewusstsein. Ohnmacht ist Verlust von Bewusstsein. Es gibt sie physisch, psychisch und in unseliger Kombination.
Tage der Ohmacht – Physisch I
In meiner WG-Zeit säge ich mir betrunken eine Scheibe Brot aus dem schon hart gewordenen Kanten, rutsche ab und schneide mir tief in den Finger. Sofort vergeht mir der Appetit, und ich suche die Wunde zu stillen. Plötzlich wird mir ganz fad. Und ich denke noch: Reiß dich doch zusammen, wenn jetzt dein Mitbewohner kommt... Atme, Atme...
Als ich wieder zu mir komme, liege ich lächerlich auf dem Küchenboden. Um den Ringfinger meiner Hand eine kleine rote Blutlache. Jämmerlich. Wenn ich das mein Vater gesehen hätte – der ist Boxer. Hat schon ganz anderen Leuten mit ganz anderen Kraftaufwendungen die Lichter ausgeknipst. Wieder andere haben in wieder anderen Situationen nach ihren weggesprengten Extremitäten gesucht. Ich suche am nächsten Tag meine Mutter auf. Die ist Krankenschwester.
Tage der Ohmacht – Physisch II
Mit meiner Lebenspartnerin kämpfe ich im Wohnzimmer. Wir sind gut bei Laune und machen Spaß. Sie boxt mir auf die Oberarme und Oberschenkel. Wir wechseln uns zwischen Küssen und Pferdeküssen ab. Ich küsse, sie Pferd. Mit dem Handrücken versuche ich ein Pferd abzuwehren, dass es wieder auf die selbe Stelle meines Oberarmes abgesehen hat. Es gelingt und doch wieder nicht. Ich treffe die Liebste aus Versehen im Gesicht. Dort unterm Kinn. Sie fällt wie ein Sack zu Boden. Ich muss an Vati denken. Für einen kurzen Augenblick ist sie ohn' Macht. Der Schreck sitzt mir noch in den Gliedern, als sie zu sich kommt, und entkrampft sich nur langsam, als sie zu lachen beginnt. Irgendwann lache ich mit und habe doch die dumpfe Vorahnung, dass dies am Ende nicht im „Buch der guten Taten“ stehen wird.
Tage der Ohnmacht – Physisch und Psychisch I
Wir nennen das Spiel Ohmacht. Wir sind zwölf oder dreizehn Jahre alt und treffen uns am Nachmittag täglich unter der Aula der achten Gesamtschule. Wir saufen noch nicht regelmäßig und sind ständig auf der Suche nach Mutroben. Der sich am meisten langweilt, sagt: „Spielen wir Ohnmacht.“ Und niemand ist da, der sich nicht traut, außer alle. Der sich am meisten langweilt sagt: „Ich fange an. Wer drückt?“ Schubert, der ist der Längste und Stärkste. Wir beginnen. Einer stellt sich an die Aulawand, atmet tief ein und tief aus. Wenn keine Luft mehr in seinen Lungen ist, stemmt sich Schubert mit beiden Händen gegen seinen Brustkorb, bis das Gehirn nicht mehr mit genug Sauerstoff versorgt wird. Er wird ohnmächtig. Wir halten ihn bis er wieder zu sich kommt. Danach berichten wir uns von verrückten Träumen, abgefahrenen Nahtoderlebnissen und hauen uns so richtig die Taschen voll. Ich versuche mehrfach nur so zu tun, als wäre ich ohnmächtig, schaffe es aber nur ein Mal. Schubert ist stark. Käme so etwas heraus, wäre man die Oberlusche. Freunde bescheißt man nicht. Ein neuer Junge kommt in unsere Klasse. Thomas ist schmächtig, riecht, trägt ein Alf-T-Shirt und nennt es Nicki. Nach der Schule schnappen wir uns Thomas und erklären ihm das Spiel. Er will nicht gleich am ersten Tag der Loser sein. Thomas sieht eine Chance auf Status und Macht in der neuen Klasse und willigt ein. Schubert drückt ihn ohnmächtig. Thomas pinkelt sich in die Hose. Als er wieder zu sich kommt, beglückwünschen wir ihn und sagen ihm, dass das passieren kann und kein Problem darstellt. Bis wir in der zehnten Klasse auseinandergehen, ziehen wir ihn damit auf. Thomas hatte nie eine Chance.
Tage der Ohnmacht – Physisch und Psychisch II
Ich sitze im Büro und schreibe an Irgendetwas. Wenn ich nachdenke, schaue ich aus dem Fenster und blicke an eine Kirchenwand. Ein Junge mit einem Riesenranzen schiebt sich in meinen Blick. Hastig läuft er vor irgendetwas davon. Er ist höchsten zehn Jahre alt. Zwei andere Grundschüler folgen ihm und haben ihn genau vor meiner Nase. Weil ich weiß, dass ich mächtig genug bin, Zehnjährige zu verscheuchen, springe aus dem Stuhl und laufe den Schlenker um den Schreibtisch herum zur Tür. Die Zeit genügt den zweien, um Schildkröte mit dem Riesenrucksack am selbigen zu reißen, so dass er das Gleichgewicht verliert und auf den Rücken fällt. Noch bevor sie zutreten können, bin ich am Ausgang und brülle ein scharfes „Ey!“ über die Brüstung. Die Zwei verziehen sich klassisch, indem sie die Hände in den Taschen verbergen und tun, als sei nichts.
„Ihr Amokläufer!“ ruft Schildkröte ihnen nach, bevor er im Stechschritt verschwindet und ist doch der, der es schon mal dachte. Es geht immer um Macht und Ohnmacht.
Matthias Heine