Sandra und Gabriel – eine Elefantengeschichte
Sandra liegt auf ihrem Bett und streichelt ihre Brust. Sie tut weh. Wenn sie angespannt ist, wenn etwas nicht stimmt, tut ihr die linke Brust weh. Ein Ziehen, dass sich aus dem Gefühlszentrum, dem Bauch, direkt in ihre linke Brust wühlt. Sandra weiß, dass sie diesem Ziehen trauen kann. Bis jetzt hat sich dieses unangenehme Gefühl immer an der Wirklichkeit bestätigt. Ein Kriterium der Wahrheit. Zum Beispiel als Rene Tänzer vom Klettergerüst fällt und sich einen Halswirbel bricht, oder als ihre erste große Liebe, Martin Lehmann, mit den Kumpels zum VW Treffen fährt und ihr im Zelt kompliziert das Herz bricht, drei mal mit wechselnden Partnerinnen, oder als ihr die Mädchen aus ihrer Klasse auflauern und ihr die Nase brechen wollen, wegen der Sache mit der unechten Witboy. Alle gegen eine mit Stuhlbeinen aus Holz. Sie weiß es bereits vor dem Aufstehen. Ein Schmerz in ihrer linken Brust, der ihr ein wenig den Atem nimmt. Der bis in den Hals anschlägt. Es ist vier Uhr morgens. Eine unangemessene Zeit. Sandra hat einen Termin um acht Uhr fünfundvierzig. Sandra ist jetzt Anfang dreißig und hat noch immer keinen Führerschein. Nach dem Abi studiert sie deutsche Literatur und Philosophie an der Humboldt. Philosophie gewählt zu haben bereut sie nach dem zweiten Semester. Literatur bleibt ihre große Leidenschaft. Mit ihrem Freund Gabriel, dem Gelegenheitslyriker und Hobbyfotografen, ist sie seit sieben Jahren zusammen. Das verflixte siebte Jahre haben sie hinter sich, erzählt Gabriel seit Neuestem jedem den er trifft, ob er es wissen will oder nicht. Das Schlimmste wäre geschafft, sagt er dann und lacht wie eine Hyäne. Sandra bekommt einen säuerlichen Geschmack im Mund. Er ist ihr seit einiger Zeit peinlich. Sie hat ihm das gesagt, bevor er gefahren ist. Gabriel ist in der Schweiz. Er macht allein Urlaub. So ist das jetzt. Jetzt hat sie sich den Fernseher noch einmal angestellt. Irgendwas stimmt nicht. Den Timer auf sechzig Minuten. Eine Sendung über Wasserschildkröten... Sie raucht.
Im Schweizer St. Gallen sitzt Gabriel und schaut auf die Uhr. Halb fünf Uhr morgens. Die Barfrau stellt die Hocker hoch und macht damit unmissverständlich klar das jetzt Feierabend ist. Schade, es hat nicht gereicht. Gabriel hat sich an dem trüben Schweizer Appenzeller berauscht, immer mal rübergesehen und was gesagt. Was in der Schweiz passiert, bleibt auch in der Schweiz, hat er gedacht. Eine Zeit lang ist es ganz gut gelaufen. Sie hat gelächelt, geantwortet und wohl auch ein wenig zwischen den Zeilen, aber jetzt ist Schluss. Das war zu wenig. Er war zu wenig von Allem. Zu wenig unterhaltsam. Zu wenig attraktiv. Zu wenig charmant. Das kann er besser. Aber nach dem vierten Bier hat er sie kaum noch verstanden. Alles zu klein. Seine Ohren sind lahm geworden, wie eine Zunge. Der Fokus hat sich eingeengt. Zu deutsch eben, obwohl alles deutsch ist in diesem Teil der Schweiz. Die Werbung, die Straßenschilder, das Fernsehen, die Karten im Restaurant: Nur die Leute nicht. Sie sind nicht zu verstehen. Sein Handy klingelt. Er macht es aus ohne draufzuschauen. Er denkt an Sandra. An letzte Woche Mittwoch.
Sie kommt rein und schließt die Tür. Sie setzt sich und sieht ihn an. Sie sieht aus dem Fenster und sieht ihn an. Sie raucht und sieht ihn an. Sie schaut auf die Bücherregale und sieht ihn an. Er plappert wie ein Äffchen. Sie sieht ihn an. Sie nimmt das Glas, trinkt und sieht ihn dabei an. Sie unterbricht ihn an einer wichtigen Stelle. Sandra sagt: Wollen wir endlich mal über den großen rosaroten Elefanten sprechen, der hier zwischen uns sitzt? Gabriel ist beim besten Willen ratlos und das ist diesmal nicht gelogen. Er weiß gewöhnlich was sie meint und tut nur so, als würde er nicht verstehen, was sie von ihm will. Er weiß es immer. Er kennt sie wie kein Zweiter. An diesem Mittwoch kennt er sie nicht. Er sieht wie sich ihr Mund bewegt. Sie sagt etwas. Der Elefant bleibt stumm. Gabriel bleibt auch stumm, bewegungslos, reglos, ängstlich, verraten, vorsichtig, losgemacht, festgehalten, festgehackt. Die Widerhaken tun vielleicht nur kurz weh. Es zieht doll. Er will loslassen, losreißen, dranbleiben, anfassen, zudrücken, bitten, beten, hoffen, wissen. Will sich groß machen, der Würde wegen. Ist klein und schweigt Kinderlieder, singt. Will effektiv sein, die Schnauze halten... Will die Körperhälfte, den Mieter in der Mitte kennen, trennen. Einmal sterben und "Schatten sein, ihres Schattens Schatten sein". Egal sein. Alles, nur nichts richtig machen...
Er will „ich wollte dir noch sagen, dass das ein schwacher Moment war, dass ich nachgedacht habe, das ich dich liebe, das mich nichts von dir trennen kann, niemals“ hoffen und auch hoffen endlich gehen zu können. Den einen Weg beschleunigen können. Kind sein, beschleunigen... Das war am Mittwoch. So winzig geschieht ihm das Größte was er je erlebt hat. Ein einfacher Satz, ein Elefant und ein fremder Blick.
Sandra streichelt ihre linke Brust, drückt die Zigarette im Aschenbecher aus und steigt aus dem Bett. Es schmerzt immer noch. Sie läuft im Zimmer auf und ab. Vorbei an den Bücherregalen zum Fenster. Sie schaut hinaus. Es ist finstre Nacht. Sie wählt seine Nummer. Es klingelt, dann ist besetzt. Sie ruft noch einmal an. Er ist nicht mehr erreichbar. Sie schaut aus dem Fenster. Gabriels Auto steht vor der Tür. Er ist mit dem Zug gefahren. Sandra rechnet: Von Berlin, über Ulm, nach Innsbruck Österreich. In Lustenau den Grenzeübergang in die Schweiz nehmen. Von da ist es nicht mehr weit. Acht, neun Stunden, doch es gibt ein Problem.
Gabriel verlässt die Bar und wandert hinauf in die Berge. Ein Trübes in der rechten Hand. Er ist nicht mehr erreichbar. Ganz oben steht eine Bank und man kann auf den Sonnenaufgang warten. Den Bodensee sehen, Österreich und Deutschland, oder auch nicht...
Matthias Heine