Automaten

Es ist sehr erstaunlich, finde ich immer wieder, welche enormen Fortschritte die Technik gerade in unserer Zeit macht. Brauchten wir zum Beispiel noch vor kurzem mindestens Papier und Bleistift, um jemandem eine Nachricht zu schreiben, reicht dafür heute bereits ein Heimcomputer mit 4096 Megabyte DDR2-RAM, einem Zwei-Gigahertz-Pentaflipflapflop-Dual-Core-Multitask-X2-Prozessor, Internet-Flatrate-Anschluss und durchschnittlicher Software-Ausstattung.

Das vorstehende Beispiel ist nicht zufällig gewählt, denn besonders deutlich wird diese erfreuliche technische Entwicklung in der Branche, die sich mit Telekommunikation beschäftigt. Auf diesem Gebiet sind bereits ganz und gar unglaubliche Technologien im Einsatz, die leider im Alltag noch viel zu wenig Beachtung finden.

So setzt etwa ein großer privater Paketdienst in seinem Callcenter bereits seit einiger Zeit erfolgreich Sprachroboter ein, und das, ohne großen Presserummel um diese Innovation zu machen. Eine derartige sympathische Bescheidenheit hätte ich gar nicht bei einem Unternehmen vermutet, dessen Name von einer Figur der antiken griechischen Mythologie stammt. Es war mir vergönnt, diese aufregende Technologie selbst zu erleben. Zum Verständnis sei kurz die Vorgeschichte erwähnt: besagter Paketdienst, nennen wir ihn mal römisch „Mercurius“, war beauftragt, mir eine Sendung zuzustellen, und versuchte dies auch nach Kräften. Und zwar an drei Werktagen hintereinander, immer so gegen 10:45 Uhr vormittags. Ich weiß nicht, ob dem Innovationsunternehmen einfach nur der Umstand entgangen ist, dass sich manche Menschen zum Zweck der Erwerbstätigkeit selten vormittags zu Hause aufhalten und es deswegen nicht gerade dämlich gewesen wäre, auch mal abends vorbeizuschauen, oder ob die ganze Sache nur ein geschickter Schachzug war, um mich endlich mal mit dem neuen Sprachroboter reden zu lassen. Jedenfalls fand ich am dritten Tag eine Benachrichtigungskarte im Briefkasten, die mir ein solches Gespräch nahelegte.

Ich tat, wie mir geheißen und hatte auch gleich Kontakt. FIRST CONTACT sozusagen, nur dass am anderen Ende kein Alien war, sondern ein Automat. Er klang aber überraschenderweise wie eine ganz normale Frau aus einem Callcenter, war also rein akustisch nicht als Automat zu erkennen – eine unglaubliche technische Leistung. Hier die Wiedergabe des Original-Dialogs.

„Mercurius-Paketservice-einen-schönen-guten-Tag-mein-Name-ist-Bittermann-was-kann-ich-für-Sie-tun?“

„Guten Tag, Vent-Schmidt mein Name. Ich habe eine Nachricht von Ihnen über eine nicht zustellbare Sendung im Briefkasten vorgefunden.“

„Die Sendungsnummer bitte!“

„6547-83-99543“

„Die Sendung konnte nicht zugestellt werden.“

„Sag ich ja! Der Grund ist, dass Sie immer zur selben Zeit vormittags kommen. Da bin ich, wie viele andere berufstätige Menschen auch, selten zu Hause.“

„Feste Zustellzeiten können wir nicht zusagen.“

„Entschuldigung, ich habe mich wohl ungeschickt ausgedrückt. Ich wollte Ihnen nur vorschlagen, einfach mal zu verschiedenen Uhrzeiten die Zustellung zu versuchen.“

„Feste Zustellzeiten können wir nicht zusagen.“

„Ja, das habe ich jetzt verstanden. Ich will ja keine feste Zeit. Ich will Ihnen nur einen Hinweis geben, so als Kunde. Ich dachte, Sie könnten vielleicht an konstruktiver Kritik interessiert sein und daran, was Ihre Kunden so sagen. Und mein Vorschlag wäre eben, nicht immer zur gleichen Zeit die Zustellung zu versuchen.“

„Feste Zustellzeiten können wir nicht zusagen.“

An dieser Stelle ahnte ich, dass der Roboter am anderen Ende vielleicht doch noch nicht ganz perfekt programmiert war. Ich hatte früher mal einen Programmierkurs belegt und besaß deswegen ein wenig Fachkenntnis. Nur deshalb konnte ich vermuten, dass die Schlüsselworte „Zeit“ und „Zustellung“ innerhalb einer while-Schleife mit schwach typisierten Index-Objekten, die als Primärschlüssel in einer globalen Variablen abgelegt sind, eine interne Ausnahme auslösen, die zu einem schweren Speicherzugriffsfehler führen und damit das ganze System zum Absturz bringen könnte. Das wollte ich natürlich nicht und vermied von diesem Moment an die Worte „Zeit“ und „Zustellung“.

„Alles klar. Wie geht es denn jetzt weiter? Auf Ihrer Karte steht, ich könne mir die Sendung in einem Ihrer vierzehntausend Paketshops abholen. Wenn ich nicht raten muss, welcher es ist, würde ich das machen.“

Das Scherzerkennungsmodul war wohl auch noch nicht implementiert, aber man kann eben nicht gleich alles haben. Es ist ja an sich schon eine tolle Leistung, dieser Automat.

„Das geht nicht“, sagte die Maschine mit der täuschend echten Frauenstimme, „es handelt sich um eine Sendung mit Ident-Service, das heißt, Sie müssen die Sendung zu Hause entgegennehmen, weil wir Ihre Identität prüfen müssen.“

„Womit prüfen Sie die Identität denn?“

„Mit Ihrem Personalausweis.“

„Gut, dann bringe ich den Personalausweis in den Paketshop mit.“

„Nein, Sie müssen die Sendung persönlich entgegennehmen.“

„Auch kein Problem. Dann komme ich nicht nur selbst, sondern sogar persönlich in den Paketshop und bringe meinen Personalausweis mit.“

An dieser Stelle hatte ich jetzt wohl versehentlich den Emotions-Chip aktiviert, wahrscheinlich mit dem Schlüsselwort „kein Problem“. Wer die Besatzung der neuen Enterprise kennt, wird vielleicht wissen, dass auch Data mal testweise dieser Chip eingesetzt wurde. Das ging aber damals, in einer fernen Zukunft, auch schon schief. Der Stimmen-Synthesizer schaltete jetzt auf eine andere Frequenz und modulierte die vom Emotions-Chip erzeugten Stimmungsklänge auf das Trägersignal. Das hörte sich nicht gut an.

„Wie oft soll ich es denn noch sagen: Sie müssen zu Hause sein! – Wir können die Sendung auch zurückschicken, wenn Sie nicht wollen.“

Ich wollte sie aber. Die Sendung meine ich, nicht die Maschine. Also wechselte ich auf die bewährten Sprachbausteine vom Anfang.

„Wie geht es jetzt weiter? Gibt es noch andere Möglichkeiten?“

„Sie können uns einen Termin nennen, wann Sie zu Hause sind.“

Diese Chance musste ich jetzt schnell nutzen.

„Gut, einen Termin können wir machen. Sagen wir gleich morgen, so ab 16:00 Uhr?“

„Feste Zustellzeiten können wir nicht zusagen.“

Oh-oh!, wieder der Speicherzugriffsfehler. Also schnell zurück auf den Standby-Modus schalten.

„Gibt es nicht noch irgendeine andere Möglichkeit?“

„Ja, wir können die Sendung auch zu Ihrer Arbeitsstelle schicken.“

Ich überlegte einen Moment, dann fragte ich vorsichtig:

„Da bin ich aber nicht zu Hause. Wollen Sie dann trotzdem meinen Personalausweis sehen?“

Leider endete an dieser Stelle das Gespräch, wahrscheinlich durch irgendeine technische Störung. Ich hörte nur noch das Besetzt-Zeichen. Dennoch fühlte ich mich froh und zuversichtlich. Meine Sendung habe ich bis heute noch nicht erhalten, aber das macht nichts. Ich rufe jetzt jeden Tag meinen Automaten an und experimentiere mit neuen Schlüsselwörtern, die – soviel habe ich schon herausgefunden – ganz verschiedene Unterprogramme auslösen. Wie schön ist es doch, in einem Zeitalter des technischen Fortschritts zu leben! Ich möchte es nicht mehr missen!