Der Diener und der Bäcker

Neulich rief meine Mutter an, ganz aufgeregt: „Du Andreas, stell dir vor, ich hab' gewonnen! Beim Rätsel! Da werd' ich jetzt bedient und so, wie eine feine Madam. Aber ich weiß nicht, was ich jetzt machen muss, um den Gewinn auch zu bekommen.“

„Was ist los?!“ entfuhr es mir, weil ich mit Art und Umfang der Informationen zunächst überfordert war. Dann besann ich mich und versuchte, mich zu konzentrieren.

„Jetzt mal langsam. Wobei hast du gewonnen? Beim Rätseln?“

„Na, ich mach doch immer so diese Rätsel-Zeitungen. Und da gab es was zu gewinnen, und da hab ich das eingeschickt, und jetzt hab' ich gewonnen. Einen Diener.“

Ich überlegte kurz.

„Bist du sicher? Heutzutage muss man ja aufpassen. Da wird einem was von Gewinn erzählt, und in Wirklichkeit wollen sie dich abzocken. Haben die angerufen oder du? Du hast doch nichts unterschrieben oder bezahlt, oder doch? Und WAS hast du gleich noch mal gewonnen?“ Jetzt war ich es, der eine gewisse Unruhe spürte.

„Nein, nein, ich hab' wirklich gewonnen. Einen Diener! Stell dir vor! Der muss dann alles machen, was ich sage. Oder? Das stimmt doch, oder? - Nein, die haben geschrieben. Ich geb' doch meine Nummer nicht raus! Ich hab' den Brief hier. Wenn das der Papi noch erleben könnte. Der Preis ist sogar auch für zwei Personen. Ich hab' den Brief hier. Stimmt wirklich!“ sprudelte meine Mutter vor Begeisterung. Eine kurze Weile war es still am Telefon. Im Gegensatz zu meiner Mutter war ich der Ansicht, dass hier irgend etwas ganz und gar nicht stimmte, aber ich kam nicht darauf, was es war. Also ganz ruhig, und alles noch einmal von vorn analysieren. Ich schloss kurz die Augen und konzentrierte mich.

„Also: du hast ein Rätsel in der Zeitschrift gelöst und die Lösung eingeschickt.“

„Nu!“ antwortete meine Mutter, was Görlitzer Mundart ist und etwa mit 'Ja, genau richtig!' übersetzt werden kann.

„Und dann kam ein Brief, in dem stand, dass du einen Diener gewonnen hast“, setzte ich meine Analyse fort.

„Nu“ bestätigte meine Mutter den Fortgang der Ermittlungen erneut und fügte noch hinzu: „für zwei Personen, aber der Papi lebt ja nicht mehr.“

Jetzt ahnte ich etwas. „Lies doch den Brief mal vor“, bat ich meine Gewinnerin. Als sie fertig war, fand ich meinen Verdacht bestätigt.

„Mensch, Mutti“, sagte ich, nicht ohne ein gewisses Bedauern, „du hast keinen Diener gewonnen, sondern ein Abendessen. Ein Dinner!“

Es war still am Telefon.

„Bist du noch dran?“ fragte ich vorsichtig.

„Nu“.

„'Dinner' ist englisch und heißt soviel wie Abendessen.“

Wieder Stille am Telefon. Nach einigen langen Sekunden hatte sie sich dann offenbar wieder gefaßt.

„Du gönnst mir wohl gar nichts!“ Ich wußte, das dieser Satz weder an mich adressiert, noch so gemeint war, wie er klang, und wartete.

„Warum schreiben die dann nicht 'Abendessen', wenn das gemeint ist?“ fragte sie trotzig.

„Aber du kennst doch 'Dinner for one', immer zu Silvester.“ versuchte ich, sie vorsichtig mit der Verwendung der fremdsprachigen Vokabel zu versöhnen.

„Ja, aber das ist ja englisch.“ entgegnete meine Mutter treffend.

„Eben!“, sagte ich, „und die vom Rätsel haben den Preis eben auch englisch geschrieben.“

„Nein, ich meine, der ganze Film ist englisch, aber das Rätsel war in Deutsch. Warum schreiben die den Preis dann englisch?“ bohrte meine Mutter weiter, immer noch voller Trotz.

„Das weiß ich nicht. Weil's modern ist, vielleicht. Hast du dich nicht gewundert, dass das ganz anders geschrieben wird?“

„Nein. – Ich dachte, das ist wegen der Rechtschreibreform.“ antwortete sie kühl.

Der klanglichen Färbung ihrer Stimme war zu entnehmen, dass ich das Thema 'Rechtschreibreform' jetzt besser nicht im Detail diskutieren sollte. Ich käme sonst in die Verlegenheit erklären zu müssen, warum man erst jetzt, nach der Reform, eine Wendung wie 'viel versprechender Politiker' auseinander schreiben soll, obwohl die Politiker doch schon immer, also auch vor der Rechtschreibreform, viel versprochen und wenig gehalten haben. Weil ich diese und andere Kuriositäten der Reform nicht erklären kann, meide ich das Thema. Zumindest bei meiner Mutter. Statt dessen versuchte ich jetzt, ihr ganz allgemein den Gebrauch englischer Vokabeln in der Alltagssprache schmackhaft zu machen.

„Weißt du, Mutti, das ist doch jetzt alles global und so. Wir haben jetzt Internet und müssen uns auch auf dem Weltmarkt durchsetzen.“

„Ach was, und deshalb soll ich jetzt fragen, ob du morgen zum Dinner kommst, statt zum Abendbrot, oder wie?“ kam es ohne jede Verzögerung aus dem Telefonhörer.

Ich gebe zu, dass mich meine Worte an dieser Stelle selbst nicht so richtig überzeugten. Meine Mutter wohl auch nicht, vielleicht, weil sie ihren DSL-Anschluß erst seit ein paar Tagen besaß. Sie fuhr auch gleich fort mit ihrer Gegenargumentation: „Und deswegen muss wohl die Physiotherapie jetzt auch 'Back-Center' heißen statt 'Rückenzentrum', was? Das ist ein kleiner Laden an der Ecke vorne beim Aldi! Wollen die jetzt nur noch Amerikaner behandeln oder wie?“

Meine Mutter war jetzt wohl leicht erregt. Ich versuchte, ihren Redeschwall gedanklich zu sortieren. Was für ein 'Back-Center'? An der Ecke oben beim Aldi, der früher eine Kaufhalle war, gab es keine Physiotherapie. Nur einen Bäcker. Moment!

„Mutti, wie kommst du auf 'Rückenzentrum'?“ fragte ich lauernd, die Auflösung des Rätsels wie eine Geheimwaffe noch verbergend.

„Na von der Rita. Weißt du doch, mit der ich immer am Dienstag...“ - „Ja, ich weiß!“ unterbrach ich sie, „shoppen gehst.“

„Nein, wir machen nur einen Einkaufsbummel.“

„Ja, meine ich ja. - Und woher weiß die Rita das vom Rückenzentrum?“ fragte ich, jetzt schon leicht genervt.

„Die kann Englisch.“ triumphierte meine Mutter unverhohlen und fügte noch hinzu, als wäre es illegal: „und die hat ein Wörterbuch!“

Ich sagte: „Aha.“

„Und 'back' heißt auf deutsch 'Rücken', das haben wir extra nachgeguckt.“ fuhr meine Mutter munter fort, „und 'center' heißt Zentrum, aber das wussten wir auch vorher schon, von der Bahn. Also: Rückenzentrum. Aber können die das nicht deutsch schreiben? Ich meine, wir haben es ja rausgekriegt, aber wer jetzt kein Englisch kann, weiß gar nicht Bescheid.“ dozierte meine Mutter, als könne sie Englisch.

„Mutti, das ist ein Bäcker, kein Rückenzentrum. Das erste Wort ist deutsch, eben 'Back', wie 'backen'. Mein vermeintlicher Triumph fühlte sich seltsam bedrückend an.

Es war jetzt ziemlich lange still am Telefon. Ich wiederholte meine Erkenntnis:

„Nicht bäck-ßennter, sondern back-ßännter!“

Immer noch Stille. Dann hörte ich ein kurzes Räuspern.

„Was du für einen Quatsch erzählst. Das wäre ja deutsch und englisch in einem Wort. Aber du hast gesagt, die wollen auf den Weltmarkt, Amis und so. Du denkst doch nicht, dass irgendein Ami das deutsche Wort 'backen' kennt, oder? Dort gibt’s ja nicht mal richtiges Brot!“

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dieses Gespräch könnte mir entgleiten und Wendungen nehmen, die ich weder vorausahnen noch denen ich würde folgen können. Ich erinnerte mich, dass ich neulich für einen kurzen Moment auch in die Irre geleitet worden war, auf eine sehr peinliche Art. Als ich mit dem Auto durch irgendeine Stadt fuhr, sah ich am Straßenrand ein geparktes Wohnmobil. Darauf stand in einer schlecht leserlichen Schrift ein Wort, das ich im Vorbeifahren als das englische Wort „Deathless“ las und danach noch überlegte, ob das eine Heavy-Metal-Band ist, die ich nicht kenne. Dann dachte ich, dass eine Heavy-Metal-Band wohl kaum „Deathless“, sondern eher „Deathfull“ heißen würde, falls denn überhaupt eines dieser Wörter, geschweige denn beide, im englischen Wortschatz vorkamen.

Zwei Tage später fuhr ich dieselbe Strecke noch einmal, und der Wohnwagen stand immer noch da. Diesmal fuhr ich absichtlich etwas langsamer und konnte deshalb erkennen, dass da nicht „Deathless“, sondern „Dethleffs“ stand, der Name einer bekannten Wohnmobil-Herstellerfirma.

Soweit hat uns das Englische im Alltag also schon im Griff, hatte ich an diesem Tag noch gedacht, dass wir deutsche Wörter – und seien es auch Eigennamen – in vorauseilendem Gehorsam als vermeintlich englische Vokabeln verkennen.

Diese Dinge schossen mir in Sekundenbruchteilen durch den Kopf, wie das eben manchmal so ist, zum Beispiel in Momenten der Todesangst oder eben bei Telefonaten mit der eigenen Mutter. Ich konnte und wollte ihr aber diese Gedankenkette jetzt nicht erläutern, denn meine Mutter war gerade bei Rückenzentren, die eigentlich Bäcker waren und bei devoten Dienern statt Abendessen mit normalen Kellnern. Moment! Das war doch die Lösung! Jetzt hatte ich eine Idee, wie ich mich und meine Mutter aus der Sache herausbringen könnte.

„Mutti...“ säuselte ich vorsichtig ins Telefon, „ich glaube, du hast recht.“

„Natürlich habe ich recht, ich bin schließlich deine Mutter!“ kam es prompt vom anderen Ende.

Ich verzichtete diesmal aus Zeitgründen auf den logisch-formalen Nachweis, dass Mutterschaft allein nicht zwingend die objektive Wahrheit der eigenen Aussagen nach sich zieht, und sprach ungerührt weiter.

„Entschuldige bitte, da habe ich wohl wieder mal zu voreilig geurteilt. Natürlich hast du recht, und du hast natürlich einen Diener gewonnen. Und wenn du willst, kümmere ich mich auch um die Gewinneinlösung.“

„Ja, das ist lieb von dir, deswegen habe ich ja angerufen. Aber dass man dafür immer so lange mit dir diskutieren muss… - Also tschüss, bis dann.“ Sie legte auf.

Ich legte auch auf und wählte gleich eine andere Nummer. Nach nur zwei Mal Klingeln meldete sich mein Kumpel Hartmut. Ja, auf den ist eben Verlass!

Nach nur kurzem Begrüßungs-Hinundher, „lange nicht gesehen“ und so kam ich dann zur Sache. „Sag mal, Hartmut“, begann ich, meine Schlingen auszulegen, „du hast doch noch dieses alte Butler-Kostüm vom Fasching von vor 4 Jahren. Passt dir das noch?“. Hartmut bejahte. Er konnte ja nicht ahnen, was er sich damit gerade antat. Dann gab er auch noch zu, vor 20 Jahren mal aushilfsweise gekellnert zu haben. Und als er auf meine fiese Frage, ob er mir denn mal einen Gefallen tun könnte, auch noch „ja, klar“ sagte, saß er in der Falle.

Armer Hartmut! Aber was soll's: ich werde anders mit meiner Mutter einfach nicht fertig.

 

Andreas Vent-Schmidt
Gelesen am 29. April 2009