Die verirrte E-Mail

Über achtzig oder sogar neunzig Prozent aller E-Mails sollen Werbung, Betrugsversuche und sonstiger Müll sein, sagen irgendwelche nicht näher bestimmten Online-Experten. Der lustigste Teil davon sind diese amateurhaften Betrugsversuche. Zum Beispiel könne man viel Geld verdienen, wenn man nur erst mal irgendwas bezahle. Einfach nur nervend, im besten Fall amüsant dagegen sind Leute, die offenbar zu dusselig sind, den richtigen Empfänger einzutragen, bevor sie eine Mail versenden, und dann munter die intimsten Dinge von sich preisgeben.

Neulich bekam ich eine solche Mail. Darin stand:

„Sehr geehrter Dr. X, jetzt habe ich schon zweimal telefonisch niemanden bei Ihnen in der Praxis erreicht. Ich wollte mal anfragen, ob ein Termin bei Ihnen am 26. möglich wäre und um welche Zeit dann. Es geht um eine Schönheits-OP, die ich machen lassen möchte (Fett absaugen, Falten usw.). Näheres dazu beim Termin. Und ob ich vorher bezahlen muss oder wie. Mit freundlichen Grüßen, Anett Y. P.S.: Eine Bekannte von mir würde vielleicht auch gleich zur Information mitkommen. Geht das?“

Ist es zu glauben, dass Menschen ein Vermögen ausgeben, um sich ein paar Falten wegmachen zu lassen, und dann noch zu blöd sind, die Nachricht korrekt zu adressieren? Wahrscheinlich eine alternde Lifestyle-Schnepfe, Gattin irgendeines Vorstandsheinis von Vattenfall. Ich überlegte kurz und befand, dass es kaum verwerflich wäre, von so jemandem ein paar Euro abzuzweigen. Es ist ihr bestimmt egal, ob die OP nun etwas mehr oder weniger kostet. Also schrieb ich folgende Antwort.

„Sehr geehrte Frau Y., vielen Dank für Ihr Interesse an einem operativen Eingriff der plastisch-kosmetischen Chirurgie, den wir, wie ich Ihnen bereits heute versichern kann, in fachlich bester Praxis und erstklassiger Qualität bei Ihnen durchführen werden, wobei Ihnen unsere langjährige Erfahrung auf diesem Gebiet von Nutzen sein wird. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass wir den von Ihnen gewünschten Termin bei uns fest eingeplant haben und Sie gegen 10:00 Uhr in der Praxis erwarten. Ich darf Sie noch um eine kleine Anzahlung in Höhe von 10.000,00 € bis spätestens zum 20. des laufenden Monats bitten, die selbstverständlich mit dem noch zu ermittelnden Endpreis verrechnet wird. Kontodaten nachfolgend. Mit freundlichen Grüßen, Dr. X. P.S.: Ihre Bekannte ist gern bei uns gesehen. Wenn sie auch gleich die Anzahlung leistet, kann ich Ihnen einen Rabatt von 10% auf den Endpreis einräumen.“

Das Geld kam pünktlich und zweifach. Ich verfasste eine weitere E-Mail.

„Sehr geehrte Frau Y., Ihre Anzahlung habe ich dankend erhalten. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir aufgrund eines akuten Notfalls den Termin am 26. nicht werden halten können. Als neuer Termin käme der 26. des nächsten Monats in Frage. Um Sie für diese Unannehmlichkeit zu entschädigen, möchte ich Ihnen anbieten, den von mir eingeräumten Rabatt auf 20% zu erhöhen. Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass Sie zwei weitere Bekannte für das Thema Schönheits-OP gewinnen und diese ebenfalls eine Anzahlung leisten, entsprechend bis zum 20. des nächsten Monats. Freundliche Grüße, Dr. X.“

Wie man sich vorstellen kann, wurde es jetzt ziemlich spannend. Ein ganzer Monat Wartezeit! Aber ich musste Frau Y. natürlich auch Zeit für ihre Akquise-Tätigkeit geben. Zwei Frauen mal eben zu einer Schönheits-OP zu überreden, ist bestimmt nicht einfach. Als dann endlich der 20. gekommen war, fand ich auf meinem Konto vierzigtausend Euro mehr vor, als im Vormonat. Frau Y. musste also nicht nur zwei, sondern sogar vier weitere Opfer für eine virtuelle OP gefunden haben. Wahnsinn! Die Frau war offenbar feuergefährlich blöd und daher meine Goldgrube. Es war nun Zeit, professionell zu werden. Also setze ich mich an den Rechner und schrieb folgende E-Mail.

„Liebe Frau Y., wie ich sehe, haben Sie den Grundgedanken meiner Geschäftstätigkeit ohne große Erklärung meinerseits verstanden. Ich bin von Ihrer Auffassungsgabe und Ihrem klugen, selbständigen Handeln sehr beeindruckt. Bitte verzeihen Sie meine Direktheit, aber ich würde gern den Menschen kennenlernen, der mich offenbar intuitiv versteht, und Sie deshalb gern zu einem Abendessen einladen. Wir könnten dann auch gleich – wenn Sie wollen – weitere Details zu den OP-Terminen besprechen. In hoffnungsvoller Erwartung einer positiven Anwort verbleibe ich mit herzlichen Grüßen, Ihr Dr. X.“

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Frau Y. willigte ein. Wir trafen uns in einem erstklassigen Restaurant, also außerhalb von Cottbus, und ich bestellte Champagner. Frau Y. war – das muss ich gleich vorweg schicken – von einer alternden Schnepfe weit entfernt und außerdem eine atembraubende Schönheit. Ich verstehe wirklich nicht das Geringste von plastischer Chirurgie, aber um zu sehen, dass diese Frau keine Schönheits-OP nötig hatte, waren keinerlei Fachkenntnisse erforderlich. Ich fand das natürlich schon irgendwie seltsam, obwohl es nicht die erste schöne Frau in meiner Bekanntschaft gewesen wäre, die sich selbst hässlich findet. Sie könnte was für mich sein, dachte ich.

„So, mein lieber Herr DOKTOR,“ begann sie unvermittelt, „wollen wir gleich zum Geschäftlichen kommen oder erst Smalltalk und taktisches Geplänkel abhalten?“

Ich war nun doch sehr verwirrt. „Ja, doch, meinetwegen erst geschäftlich und dann…“

<„Ein ‚dann‘ wird es nicht geben.“ Sie sah mich scharf an und lächelte dabei gleichzeitig. Ein ausgewachsenes Miststück, wie ich so langsam begriff. Sie fuhr fort: „Also. Erstens bekomme ich noch meine Zwanzigtausend vom Anfang zurück, sagen wir, also Investitions-Rückvergütung. Natürlich darfst du dir davon vierzig Prozent Provision behalten. Zweitens: Die bisherigen zehn Opfer betrachten wir als Übungsstrecke, du kannst also deinen Anteil behalten. Aber ab sofort bekomme ich fünfundsiebzig Prozent.“ – „Moment, wieso zehn?“ unterbrach ich sie. „Ich hatte nur vierzig Mille auf dem Konto, außer deinen zwanzig.“ Sie lächelte wieder ihr Miststück-Lächeln. „Ja, glaubst du, ich arbeite für lau? Natürlich habe ich meine Provision von sechzig Prozent gleich einbehalten. Es waren zehn Damen á zehntausend abzüglich jeweils sechstausend macht vierzig Mille für dich und sechzig für mich. Aber wie gesagt: ab jetzt bekomme ich fünfundsiebzig.“

Obwohl ich mich in Ermangelung eines Spiegels nicht selbst sehen konnte, bin ich sicher, in diesem Moment blass geworden zu sein.

„Wieso fünfundsiebzig Prozent für dich?“ fragte ich bemüht forsch.

„Weil ich die Arbeit mache, Schätzchen. Du hast ja nichts weiter zu tun, als deine Identität herzugeben, falls es schiefgeht und einer in den Kahn muss. Die Mails kann ich zur Not auch noch selbst schreiben. Ab sofort möchte ich übrigens immer eine Blindkopie.“

Es ist als sicher anzunehmen, dass ich nun leichenblass war. „Und wenn ich damit nicht einverstanden bin?“ fragte ich, jetzt vermutlich schon weniger forsch.

„Dann gebe ich allen unseren OP-Damen deinen Namen und Adresse und empfehle ihnen, gegen dich wegen Betrugs zu klagen.“

„Meinen Namen und Adresse, aha. Ist ja schön. Die müsstest Du erst mal haben. Außerdem hast du die Opfer zu der OP überredet, SCHÄTZCHEN!“ entgegnete ich, jetzt leichte Hoffnung schöpfend. Wenn ich geahnt hätte, was hier läuft…

Das schöne Biest lächelte immer noch. „Du irrst dich. Alle unsere ‚Kunden‘ haben auf wundersame, technisch kaum erklärbare Weise eine E-Mail von dir erhalten, die seltsamerweise auch fast den gleichen Wortlaut hat, wie jene E-Mail, die du mir ganz am Anfang geschrieben hast. Selbstverständlich sind einzelne Daten, wie Anrede, Kontonummer und SMTP-Header entsprechend angepasst. Und da du mich kennenlernen wolltest: ich bin Fachanwältin für Internetrecht und ausgebildeter Systemadministrator für IP-basierte Netzwerke. – Ich nehme an, du zahlst das Essen? War übrigens lecker.“

Gelesen am 24.02.2010