Ich, Rebell oder Die Diktatur der Ampeln

Ich bin ein Rebell. Ich will mich nicht immer anpassen und so funktionieren, wie meine Mitbürger es von mir erwarten. Ich lehne mich auf gegen alle Regeln, zum Beispiel gegen die, nach der man möglichst keinen Satz mit "ich" anfangen soll, auf keinen Fall aber mehrere Sätze hintereinander. Ganz, ganz schlimm und hochmütig wäre es nach dieser Regel, den allerersten Satz und damit den Text insgesamt mit "ich" zu beginnen.

Aber so bin ich nun mal: unangepasst und rebellisch. Doch das ist noch nicht alles. Ich entwickle sogar eine erhebliche kriminelle Energie. Damit kann ich dann Straftaten durchführen. Zum Beispiel bin ich ein ganz fieser Döner-Betrüger: ich sage am Dönerstand: "Zum Mitnehmen, bitte" und esse den Döner aber dann doch gleich. Auf diese Weise bekomme ich immer noch ein Stück Alufolie und eine Plastetüte dazu, auf die ich eigentlich gar keinen Rechtsanspruch habe. Ganz schön durchtrieben, oder? Aber irgendwie muss man ja auch mal der Gesellschaft Paroli bieten, besonders den Dönerbuden mit ihren vielen Gammelfleisch-Skandalen.

Oder auch den Ampeln. Vor meiner Haustür befindet sich eine viel befahrene Straße nebst einer Kreuzung. An dieser steht natürlich eine Ampel, oder Lichtsignalanlage, wie die Einrichtung offiziell heißt, aber ich will nicht den offiziellen Namen verwenden und sage deshalb herablassend: "Ampel". Dieses blöde Ding hat nämlich in der Richtung, die ich meistens einschlagen will, eine elend lange Rotphase. Da steht man davor und kann die Sonne bei ihrem Zug über den Himmel beobachten, falls sie denn scheint. Man bekommt das Gefühl, Stunden vor diesem hässlichen roten Licht zuzubringen und seine wertvolle Lebenszeit wieder einmal mit Warten zu verschwenden.

Aber nicht mit mir! Das ist ein klarer Fall, in dem ziviler Ungehorsam dringend vonnöten ist. Soll sich doch wer will von einem bunten Licht diktieren lassen, wann er sich bewegt und wann nicht! Ich jedenfalls gehe seit kurzem absichtlich immer bei Rot. Immer, ohne Ausnahme. Wenn gerade Grün ist, warte ich solange. Die Leute bewundern mich für meinen Anarchismus und blicken mir anerkennend hinterher, besonders die Frauen. Ja, natürlich ist das auch sexy, so ein Outlaw zu sein, ein Robin Hood der Postmoderne. Aber deswegen mache ich es nicht, sondern mir geht es um Gerechtigkeit.

Neulich waren ziemlich viele Menschen unterwegs, weswegen natürlich auch viele an besagter Ampelkreuzung standen. Diese Gelegenheit habe ich genutzt. Ich bin bei Rot über die Straße gegangen und kurz, bevor ich die gegenüberliegende Seite erreicht hatte, wieder umgekehrt und gleich wieder zurück gelaufen. Und dann wieder zurück und immer weiter hin und her. Es war diesmal auch für mich ziemlich aufregend, denn ich musste ja auf die Autos aufpassen, die mich alle gern überfahren hätten. Natürlich nicht die Autos selbst, die haben ja keinen Willen. Die sind nur die tödliche Waffe in der Hand meiner mordlüsternen Mitmenschen. Aber sie haben mich nicht gekriegt. Dann wurde Grün, und ich musste erst mal aufhören. Bei Rot bin ich wieder los.

Dann habe ich sogar angefangen, die Autos anzuhalten. Das ist ganz einfach: mitten in der Fahrspur stehenbleiben und den rechten Arm in Richtung des anrasenden Autos ausstrecken, die Hand nach oben abgewinkelt, so dass die Handfläche den Wahnsinnigen hinter den Windschutzscheiben ein klares "Halt!" entgegenschmettert. Das mit der Hand nach oben ist wichtig, aber der Arm darf nicht zu weit hoch gehen, sonst ist es der Hitler-Gruß. Und den mache ich in Cottbus nicht, denn ich will ja, wie gesagt, unangepasst sein.

Die Autofahrer habe ich damit richtig fertiggemacht. Sie hupten wie wild und zeigten mir alle Vögel, die sie aufzubieten hatten und schrien aus den Autos: „Du blöder Idiot, was soll denn die Scheiße? Mach dich von der Straße, du Penner!” Ich habe lächelnd geantwortet: „Nicht Penner, sondern Rebell, liebe Freunde.“ Aber sie haben wohl nicht richtig hingehört. Das war schon richtig gut, diese Aktion von mir.

Aber eigentlich hatte ich gehofft, jemand würde die Polizei rufen. Die sind ja als Handlanger des Staates geradezu prädestiniert als symbolische Widerstands-Objekte. Die Polizisten würden mich in Handschellen abführen und versuchen, in den Polizeiwagen zu verfrachten, aber ich würde mich natürlich wehren und schreien: „Lasst mich in Ruhe, ihr Bullenschweine, das ist Freiheitsberaubung! Ich bin ein freier Bürger und kann über die Straße gehen, wann ich will!“ Dann käme sogar noch Beamtenbeleidigung hinzu, denn man darf die blöden Schweine von der Polizei nicht „Bullen“ nennen. Dann würde mich der Staat verklagen und verurteilen, und ich könnte ein Riesenfass aufmachen mit der Presse und so. Vielleicht käme ich sogar ins Fernsehen, bestimmt sogar. Ich sehe schon die Schlagzeilen: „Bürger zeigt Zivilcourage – jetzt droht Knast“ oder „Skandal: Unbescholtener Mann zu 20 Jahren verurteilt“.

Selbstverständlich würde ich meine Strafe nicht antreten, sondern als Märtyrer einen heldenhaften Suizid hinlegen. Das könnte euch nämlich so passen: ich im Knast zusammen mit gewöhnlichen Dieben und Totschlägern, von wegen! Merkt euch eines: lebend kriegt ihr mich nicht! Man muss sich wehren, man muss ein Rebell sein. Morgen gehe ich wieder auf die Straße und protestiere gegen die Diktatur der Ampel. Ich, der Rebell.