Ich rufe zurück

Magnus Eppendorf ist ein beruflich sehr beschäftigter Mann. Das erkennt jeder halbwegs mit dem modernen Leben vertraute Mensch auf den ersten Blick: ein hellblaues Hemd mit dunkelblauem Schlips zu einem noch dunkelblaueren Anzug. Am dunklen Schlips ist zu erkennen, dass es sich bei Magnus Eppendorf um einen Mann in einer mittleren Führungsposition handelt, denn sonst müsste er einen gelben Schlips tragen, dessen Farbe mit zunehmender Ranghöhe kräftiger wird. Bei Herrn Eppendorfs Anzug handelt es sich um eine Kleidung, die im Metro-Katalog unter der Rubrik „Mode“ als „Modern Business-Systemanzug“ erscheint und dort angeblich den „Lifestyle des modernen Mannes reflektiert“. Außerdem behauptet das Kaufhaus: „Das System unterstreicht den neuen Trend zu mehr Leichtigkeit – durch ein modernes 3-Knopf-Sakko mit Rückenschlitz, einer Hose mit Bundfalte sowie einer bundfaltenlosen Hose. Eine neue Westenform rundet dieses Programm ab. Der exklusiv für METRO Cash & Carry entwickelte Systemanzug ist in bester Stretch-Qualität hergestellt.“

In diesem Anzug, und zwar mit der bundfaltenlosen Hose, treibt sich Herr Eppendorf im Moment auf dem Flughafen Köln-Bonn herum, und hat wie immer sein Blackberry dabei. Das ist ein mobiler Minicomputer, mit dem man sehr viel Zeit damit verbringen kann, alle seine Termine, E-Mails, Kontakte, Ballerspiele und andere Aufgaben so zu organisieren, dass man ein wenig Zeit spart. Es ist wichtig, möglichst viele Termine, E-Mails und Kontakte zu besitzen, damit man überhaupt etwas zum Organisieren hat. Herr Eppendorfs Chef hat das erkannt und deswegen per Dienstanweisung verfügt, dass immer alle Mitglieder des mittleren Mangements bei allen E-Mails auf „CC“ gesetzt werden müssen, also E-Mail-Kopien von Nachrichten erhalten, mit denen sie eigentlich nichts anfangen können.

Natürlich ist das Blackberry gleichzeitig ein Mobfon, man kann also Herrn Eppendorf darauf anrufen. Und natürlich passiert das auch, und zwar immer genau dann, wenn er mit seinem Blackberry gerade irgendetwas anderes macht, zum Beispiel endlich im Untermenü der Organizer-Sonderfunktionen den Menüpunkt „Termine mit Exchange-Server abgleichen“ gefunden hat. Er bricht den Vorgang dann ab, geht ans Telefon und sagt nach einigen Sekunden: „Jaaaa, aber jetzt eher schlecht. – Nein, ich bin jetzt nicht im Office. – Ja, natürlich, gerne! Ich rufe zurück!“ Dann legt er auf und beginnt, die Funktion erneut zu suchen. Diesmal findet er sie schneller, aber jetzt es funktioniert nicht mehr. Der Exchange-Server gibt die Fehlermeldung aus: „Der Datenabgleich konnte nicht abgeschlossen werden, weil der Datenabgleich nicht beendet wurde.“ So ein Mist, denkt Herr Eppendorf, mein Flieger geht doch gleich und ich muss vorher auch noch kacken.

Bei Herrn Eppendorf kommen auf dem Blackberry auch dauernd neue E-Mails an, von Geschäftspartnern und Kunden, eine wichtiger als die andere. Bei der Mail von Herrn Dr. Trottlich von der D.A.U. AG Hamburg zum Beispiel geht es darum, dass Herr Dr. Trottlich selbst die nächsten drei Tage auf einer Konferenz in Los Angeles weilen wird und daher leider nicht selbst ans Telefon gehen wird, sondern sein Stellvertreter, der Key Account Manager Herr Brutzel. Herr Eppendorf fragt sich nicht, warum Herr Dr. Trottlich ihm diese Mitteilung macht, obwohl die beiden Herren im Moment gar keinen aktiven Kontakt pflegen. Das letzte Geschäft liegt bereits über ein Jahr zurück und ein neues ist nicht in Sicht. Aber es ist eben wichtig, und er, Herr Eppendorf, fühlt sich auch irgendwie wichtig, wenn er in die Dienstreisen des Herrn Dr. Trottlich, Chief Executive Officer der D.A.U. AG Hamburg, eingeweiht ist. Und er hat eine neue Mail zum Organisieren.

Mit anderen Worten: Herr Eppendorf kauft Systemanzüge in der Metro und muss ein Blackberry benutzen, weil er in Wirklichkeit natürlich kein wichtiger Geschäftsmann ist, sondern eine arme Sau. Er ist immer „busy“, immer „im Stress“ und ruft immer nur zurück. Es kommt fast nie vor, dass Herr Eppendorf am Telefon irgendeine konkrete Aussage macht. Die am häufigsten verwendeten Formulierungen sind: „werden wir mal ein Konzept dazu erarbeiten“, „das bespreche ich dann beim nächsten Meeting“ und „ich rufe zurück“. Seit kurzem ruft Herr Eppendorf sogar dann zurück, wenn er zuvor selbst gar nicht angerufen wurde. Er wählt eine Nummer und sagt so etwas wie: „Ja, hallo? Herr Schnöselsberger? Ja, Eppendorf hier. Herr Schnöselsberger, ich bin jetzt sehr busy und auch gerade nicht im Office, weil ich das Incentiv mit den Franchise-Partners vorbereiten muss. Kann ich Sie später zu unserem Auftrag mit dem Target-Marketing-Konzept noch mal zurückrufen? Danke, jaha, tschüß.“ Wenige Minuten später bekommt er von Herrn Schnöselsberger eine E-Mail auf sein Blackberry, in der sich Herr Schnöselsberger für das Gespräch bedankt und bestätigt, dass er demnächst von Herrn Eppendorf zurückgerufen werden möchte. Herr Eppendorf leitet die Mail an seinen Chef weiter und setzt dabei alle Kollegen auf „CC“.

Die berufliche Aufgabe des Herrn Eppendorf besteht in der Vermittlung von Unternehmenskäufen und -verkäufen, Beteiligungen und Geschäftsübernahmen. Deswegen muss er sich Sätze ausdenken wie: „Für eigenes Principal Investment (Business Capital, Baden Baden) suchen wir private oder aktive Co-Investoren für ein aktives Konsolidierungskonzept im Agenturmarkt mit hohem Cross-Selling-Potential.“ Gemeint ist: „Wir suchen Geldgeber, um eine am Boden zerstörte Agentur zu kaufen und neu aufzubauen – könnte sich sogar lohnen.“ Oder er muss schreiben: „Als inhabergeführte Agentur ist der Inhaber aber meist so in die Tagesarbeit involviert, dass er diese viel versprechenden strategischen Optionen noch nicht genutzt hat“, wenn er meint: „Der Chef muss leider selbst arbeiten und hat keine Zeit für solchen Unsinn.“

Tatsächlich hat Herr Eppendorf keine Wahl, sondern ist gezwungen, sich derart bescheuert auszudrücken, denn das sichert ihm die Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppe der Geschäftsdeppen, einer Unterkategorie der bereits oben erwähnten Klasse „Arme Sau“. Zum Geschäftsdeppen muss man sich erst einmal hocharbeiten, das wird man nicht einfach so, denkt Herr Eppendorf, und ist deshalb stolz auf seine Position. Er denkt sicher nicht wörtlich „Geschäftsdeppen“, denn das von mir entdeckte Ordnungssystem der gesellschaftlichen Klassen und Schichten ist bisher noch nicht offiziell anerkannt und Herrn Eppendorf wahrscheinlich unbekannt. Er denkt statt „Geschäftsdepp“ vielleicht etwas Ungenaueres, wie etwa „Businessman“, „wichtiger Entscheider im Unternehmen“ oder „toller Hecht“.

Jedenfalls liebt er es, durch die Flughafen-Lounge zu gehen, die Frankfurter Allgemeine unter den Arm geklemmt, sich zielstrebig einen Platz gegenüber einer schönen Frau, falls verfügbar, zu suchen und dann mit einem leichten „Ach-bin-ich-im-Stress“-Stöhnen auf die Bank fallen zu lassen. Dann blättert er wie immer die Zeitung nur kurz durch und wendet sich schließlich seinem Blackberry zu. Während er beliebige Tasten drückt, um die Frau zu beeindrucken, wünscht er sich heimlich, sie würde im Flugzeug den Platz neben ihm einnehmen, er würde ein Gespräch anfangen und sie noch mehr beeindrucken, und dann würde sich herausstellen, dass sie im selben Hotel wohnen. Er könnte mit ihr vielleicht eine Affäre anfangen, denn nach allem, was er gehört hatte, braucht ein richtiger Businessman auch eine Affäre, um wirklich anerkannt zu sein.

Oh ja, wie schön wäre es mit einer Affäre! Es wäre romantisch und irgendwie auch geschäftig. Die Affäre müsste er vor seiner Frau verheimlichen, den Kollegen aber unauffällig bekannt machen, was ein nicht zu unterschätzender Organisationsaufwand ist. Diesmal aber einer, der sich wirklich lohnt. Vielleicht haben Geschäftsleute im mittleren Management nur deswegen Affären, damit ihnen ein Datensatz im Blackberry endlich mal was bedeutet.

Herr Eppendorf stellt sich jetzt vor, wie er die Telefonnummer der Geliebten und deren E-Mail-Adresse im Blackberry speichern und dafür sorgen würde, dass sein Chef das irgendwie mitbekommt. Vor allem sein Chef soll ruhig wissen, dass er ein richtiger Businessman ist, ein ganz knallharter. Und wenn sie mitten in einem wichtigen Meeting anriefe, würde er sich auf seinem Stuhl seltsam verkrümmen, als wollte er unter den Tisch kriechen. Diese Körperhaltung gilt als symbolisches Sich-Verstecken und wird vom mittleren Management als Entschuldigung für hereinplatzende Anrufe akzeptiert. Er würde das Gespräch annehmen und zärtlich flüstern: „Ich ruf dich gleich zurück.“

Aber jetzt geht gleich der Flieger, und Herr Eppendorf muss wieder der Realität ins gestresste Auge sehen. Beim Boarding stellt er sich direkt hinter die Frau, woraufhin diese einen Schritt schräg nach vorn macht, theatralisch die Nase rümpft und, mit der Hand wedelnd, Herrn Eppendorfs scheußliches Deo aus ihrer Umgebung verscheucht. Sie sieht Herrn Eppendorf voller Verachtung an. Kurz bevor er an der Reihe damit ist, seine Bordkarte vorzuzeigen, klingelt sein Blackberry, und er muss andere Leute vorlassen. Am Telefon ist seine Ehefrau, die ihm einen guten Flug wünschen und ihm sagen will, dass sie ihn die nächsten Tage vermissen wird. Aber Herr Eppendorf hat jetzt keine Zeit, und außerdem soll man ja Berufliches und Privates trennen. „Ich ruf dich zurück“, bellt er kurz, steigt ins Flugzeug und denkt an die Powerpoint-Präsentation, die er noch bis morgen fertigstellen muss.