Mein Leben als Pizzabote

Seit einiger Zeit bin ich mir sicher, in einem früheren Leben als Pizzabote auf der Welt gewesen zu sein. Und zwar, als es noch gar keine Pizza gab. Ich weiß das seit meiner Rückführung in ein früheres Leben im Rahmen einer Reinkarnationsstherapie. Aus Kostengründen habe ich das autosuggestiv und online gemacht. Auf „www.reinkarnation24.de“ habe ich die Rubrik „Online-Rückführung“ angeklickt. Ich musste zuerst ein paar harmlose Fragen beantworten, zum Beispiel nach der Nummer meiner Kreditkarte, und schon ging es los. Als Erstes sollte ich wählen, bei welchem Beruf ich mir überhaupt gar nicht vorstellen könnte, ihn länger als vier Stunden auszuüben. Weil ich nicht sicher war, ob ich Bundeskanzler oder Zuhälter nehmen sollte, wählte ich schließlich Pizzabote. Das stand auch ungefähr in der Mitte zwischen Bundeskanzler und Zuhälter. Die Software gratulierte zu meiner Wahl und startete endlich das eigentliche Rückführungsprogramm.

Viele Menschen ahnen nicht, dass Pizzaboten noch bis in das 18. Jahrhundert hinein ein höheres gesellschaftliches Ansehen genossen, als Kardinäle oder Schlagersänger. Das lag nicht zuletzt daran, dass Pizza bis zum Zeitalter der Aufklärung ein äußerst knappes Gut war. Die Ankunft der Pizza wurde deshalb mit einer Art göttlicher Gnade gleichgesetzt, die man zwar erbitten und erflehen, aber nicht erzwingen kann. Daran hat sich bis heute im Prinzip nichts geändert. Nur haben wir serviceverwöhnten Fastfood-Junkies vergessen, dass ohne den Boten auch die einfachste Bestellung nicht mehr wert ist, als ein Staubkorn im Weltall. Der Bote ist es schließlich, der an der Wohnungstür die immer wieder faszinierende Umwandlung eines diffusen Begehrens in eine handfeste Ladung Kohlenhydrate vornimmt. Man kann vielleicht eine Margherita ohne Tomatensoße und Käse bestellen, aber versuchen Sie mal, sich eine Pizza ohne Boten liefern zu lassen! Da könnten Sie dann höchstens selbst losfahren, was aber bekanntlich den Geschmack der Pizza verdirbt. Deshalb bekommen Sie als Selbstabholer ja auch zwanzig Prozent Rabatt, jedenfalls bei seriösen Pizzabäckern.

Aber zurück zu meiner Inkarnationstherapie. Nach dem Start des Programms verschwand der komplette Inhalt des Computerbildschirms. Statt dessen erschienen bunte Formen und wabernde, sich ineinander verwandelnde Figuren. Es sah beinahe illegal aus, jedenfalls deutete die Farbenpracht auf ungesetzliche Substanzen hin. Dann fiel ich offenbar in eine Art Wachkoma, in welchem ich mein früheres Dasein als Pizzabote in allen Einzelheiten noch einmal durchlebte.

In die Backstube, die mir außerordentlich altmodisch, dafür aber sehr gemütlich vorkam, trat ein Mann, den ich am Schnitt seiner Tunika als Nachrichtenbote erkannte. Er brachte eine Bestellung von einem bedeutenden römischen Bürger, genauer gesagt vom Präfekten der Provinz Judäa, einem gewissen Pontius Pilatus. Mir war klar, dass Pizzabestellungen durch Boten überbracht wurden, weil das Telefon noch nicht erfunden war. Außerdem hieß die Pizza damals Pitta, was etwa mit „Bissen“ oder „kleiner Happen“ übersetzt werden kann. Eigentlich eine Beleidigung, wenn man sich unsere „medius“ und vor allem die „giganteus“ ansieht. Jedenfalls erklärte uns der Bote lang und breit, dass PP, wie Pontius Pilatus von seinen Freunden genannt wurde, auf keinen Fall wolle, dass der Pizzabote die Hausglocke schelle. Das würde sein kleines Kind aufwecken, und das wiederum hätte zwingend die sofortige Hinrichtung des Pizzaboten zur Folge. Ich fiel aber nicht auf diese lächerliche Drohung herein und verwies darauf, als Pizzabote direkt dem Kaiser zu unterstehen und auch nur von diesem hingerichtet werden zu können, und zwar erst nach der zweiten Abmahnung. Ich fragte dann, warum denn PP sein Kind mitten am Tag zu Bett lege und ob er seine Pizza nicht essen könne, bevor das Balg nicht mehr erwachen darf. Der Bote musterte mich verächtlich. „Du weißt wohl gar nichts, was?“ bellte er, „natürlich wegen der Kreuzigung.“

„Wie jetzt – wegen der Kreuzigung?“ fragte ich.

„Na morgen ist doch dieser Jesus von Nazareth dran. Und das soll die Kleine auf keinen Fall verpassen. Deswegen muss sie vorschlafen.“

„Aha. Ne, wusste ich jetzt noch nicht. Aber danke für die Info. Da können wir uns ja wieder auf einen super Ansturm gefasst machen. Bei Promi-Hinrichtungen haben die alle keine Lust zu kochen. Aber uns soll‘s recht sein – gut fürs Geschäft.“

Als ich später zum Haus von PP fuhr, wurde ich viermal von seinen Wachen angehalten und darüber belehrt, dass auf keinen Fall die Hausglocke zu läuten sei und auch sonst jedes Geräusch zu unterbleiben habe, weil sonst die Kleine aufwache. Kurz vor Erreichen der Eingangstür musste ich eine weitere Belehrung dieser Art sogar unterschreiben. Als ich die Pizza abgeliefert hatte und schon auf dem Rückweg zur Sänfte war, hörte ich plötzlich ein ohrenbetäubendes Geschrei aus PPs Haus. Er war es selbst. Er schrie „Geil!“ und „Hammer!“ und solche Sachen. Ob seine Tochter jetzt noch schlief, weiß ich nicht.

Am nächsten Tag war es genau so, wie ich vermutet hatte: wir waren nur am Rotieren. Nichts gegen Sonderwünsche, aber dieser eine Typ ging mir wirklich auf den Kranz. Er wollte unbedingt eine „Philadelphia“ ohne Schinken und Champignons, dafür mit Salami. An sich kein Problem, aber warum muss er darauf bestehen, dass das angeblich nicht dasselbe sei, wie eine „Palermo“.

Zum Schluss musste ich noch eine Atlantis giganteus mit doppelt Käse direkt zu den Kreuzen bringen. Einer der Wachleute hatte sie bestellt. Ich blieb dann noch eine Weile und sah mir die drei Verurteilten an. Der Wachmann schaffte seine Pizza nicht. Er steckte den Rest auf seine Lanze und reichte ihn diesem Jesus. Aber der mochte sie wohl nicht. In der Bibel war dann später von einem essiggetränkten Tuch die Rede. Wer‘s glaubt, wird selig, wie man so sagt. Ich jedenfalls weiß, dass ein Stück von einer Atlantis large mit doppelt Käse war, fast ein Viertel. Und dann passierte es: Jesus sah mich an, nein: er durchdrang mich mit seinen Blicken, er fixierte mich. In diesem Moment begriff ich die Faszination, die von diesem Mann ausging und die offenbar erheblich zu seiner Popularität beigetragen hatte. Ich konnte den Blick nicht mehr von ihm abwenden und wusste auch nicht, ob ich das überhaupt wollte. Dann plötzlich bewegte er die Lippen. Und obwohl zwischen diesen Lippen und meinen Ohren ein Abstand von mindestens einer Pertica bestand, was nach heutigen Maßen etwa drei Meter sind, hörte ich jedes seiner Worte so genau, als stünde er direkt neben mir: „Ihr habt gestern nicht geliefert. Dreizehn San Remo medius. Das Abendmahl war ein Reinfall, und ihr seid schuld!“

Ich erstarrte vor Schreck, aber nur für einen Moment. Dann konnte ich mich wieder erinnern. Es traf uns keine Schuld, und das musste ich diesem Mann noch sagen, denn schließlich stand unsere Ehre auf dem Spiel.

„Die Bestellung wurde aber doch storniert – von einem gewissen Judas…“ entgegnete ich. Leider kam Jesus nicht mehr dazu, seinen Vorwurf zurückzunehmen, denn in diesem Moment sackte er zusammen und war wohl tot. Jedenfalls vorläufig. Und ich kenne jetzt endlich meinen ungelösten karmischen Vorfall.