Sale
Wieso benennen sich jetzt alle Klamottenläden um? Habe ich etwas verpasst? Eine Gesetzesänderung etwa oder sogar eine neue EU-Vorschrift, nach der jetzt alle Einzelhandelsunternehmen der Textilbranche denselben Namen tragen müssen? Vielleicht aus Gründen des Verbraucherschutzes? Der neue Einheitsname lautet: „Sale“. Finde ich jetzt nicht besonders aufregend – mir haben die alten Namen schon besser gefallen, und man konnte die Läden auch leichter unterscheiden oder eigentlich sogar überhaupt unterscheiden, denn die Ware ist ja überall gleich hässlich – vielleicht ist auch das staatlich vorgeschrieben. Außerdem klingt es wie eine Mischung aus „Sohle“ und „Aale“. Es scheint auch einen sehr knappen Termin für die Umsetzung des Gesetzes zu geben, denn ich finde keinen einzigen Laden mehr, der nicht in aller Eile Transparente und Plakate mit dem neuen Namen aufgehängt hat. Wohin man auch geht, es steht „Sale“ in den Schaufenstern, es hängt „Sale“ von den Decken, es klebt „Sale“ an den Wänden. Und nicht etwa nur am Eingang, sondern flächendeckend im ganzen Raum. Offenbar sind für den Fall der Zuwiderhandlung hohe Strafen angedroht und kein Händler will auch nur den Hauch eines Zweifels zulassen, dass er das neue Gesetz kennt. An der Art der Umsetzung mittels Papier, Pappe, Stoffbahnen und Klebefolie erkenne ich, dass diese Kennzeichnung nur eine erste schnelle Maßnahme ist, ein Provisorium, bis die richtigen Schilder angefertigt, graviert, als Leuchtschrift gestaltet und angeschraubt sind.
Für einen Moment hatte ich auch die Möglichkeit in Betracht gezogen, es handele sich schlicht um Werbung. Vielleicht ist mit „Sale“ gar kein neuer Name, sondern das englische Wort für „Verkauf“ gemeint. Aber das kann nicht sein, wie uns schnell klar werden wird, wenn wir uns das mal in der Praxis vorstellen.
In der Marketing-Konferenz der Hamburger Werbeagentur „Holz & Brennts“, eine sogenannte Apotheke auf ihrem Gebiet, tüfteln sechs Kreative an dem ultimativen, dem wirklich überzeugenden, dem unschlagbaren und vor allem einzigartigen, unverwechselbaren Werbeargument für den wichtigsten Kunden der Agentur, sagen wir mal: K&N. Die produktiven Hirne haben das Brainstorming gerade hinter sich gebracht und sichten und bewerten nun schon ihr geistiges Ejakulat. Das dauert nur zwei Minuten, denn viel ist nicht gekommen. Nachdem der offensichtliche Schrott entfernt wurde, bleibt nichts übrig. Ratlosigkeit beginnt, Angst zu verbreiten. Da springt einer auf, den sie in der Agentur „Archimedes“ nennen, weil der die besten Ideen immer in der Badewanne hat. „Ich hab‘s!“ brüllt er durch den Raum, „POPEL!“
Die anderen drehen ihre zunächst verständnislosen Gesichter zueinander und stellen Falten des Zweifels auf ihre Stirnen. Dann erhellen sich die Gesichter langsam. Sebastian, genannt „Bastel-Basti“, begreift als erster. „Du meinst…?“ wendet er sich fragend an Archimedes. Der nickt heftig. „Ja, genau! Wir nehmen einfach irgendein scheiß Wort und schreiben es ganz groß überall dran, und schon ist es kuhl!“ Er strahlt vor Freude über seinen Einfall. „Das haben wir schon mal gemacht, ich glaube bei einer Bank.“
„Ja, okay“, wendet Borstel ein, ein Mensch, auf dessen Visitenkarte tatsächlich „Teamleader“ steht, „aber ‚Popel‘ ist jetzt irgendwie nicht so richtig kuhl… – ich meine, es ist schon kuhl, aber irgendwie zieht es nicht so durch. Ist nicht so richtig sexy, finde ich. – Nein, tatscht mich irgendwie nicht…“ Er schüttelt den Kopf. Mit Borstels Veto, mag es auch noch so diplomatisch vorgetragen sein, ist Archimedes‘ Idee ohne weitere Diskussion gestorben.
Die Neue in der Runde, Janine, wagt einen vorsichtigen Einwand. „Aber die Idee selbst ist doch kuhl, oder? Ich meine, mit dem einen scheiß Wort. Nur Popel ist unkuhl, oder?“
Bastel-Basti hebt den Kopf: „Ja, finde ich eigentlich auch.“ Hoffnungsvolle Blicke zu Borstel. Der nickt unmerklich. „Ja, die Idee ist kuhl. Aber wir haben jetzt noch einen Restetat von sechs Millionen, da will der Kunde ein besseres Wort dafür, glaube ich schon irgendwie.“
Wieder ratloses Schweigen.
Bastel-Basti schielt auf seine Uhr. „Also Leute, wir müssen die Sache heute woppen!“ „Okay, dann holen wir Jochen“, schlägt Archimedes vor. Alle im Raum zucken kurz zusammen und sehen den Chef an. Janine stößt ihren Nachbarn Olli in die Seite und fragt flüsternd: „Wer zum Geier ist Jochen?“ Olli zischt zurück: „Der verdient mit Abstand am meisten in der Agentur. Freiberufler, kommt nur, wenn‘s richtig brennt und sahnt dann jedesmal die Hälfte vom Etat ab. Hat aber bis jetzt immer ein geiles scheiß Wort produziert.“ – „Und wie macht der das?“ hakt Janine nach. Olli macht eine Wischbewegung mit der flachen Hand vor seiner Stirn. „Der hat Tourette!“
Bastel-Basti wirft einen strafenden Blick auf die beiden. „Habt ihr eine Idee? Dann würden wir die alle gern hören! – Und nein: Jochen ist dafür zu teuer. Wir müssen von den sechs Millionen auch noch eine Website machen. Weiß‘ ich so schon nicht, wie das gehen soll.“
Janine sieht sich kurz in der Runde um, gibt sich einen inneren Ruck und antwortet dann. „Ja doch, ich hab was.“ Nachdem sie sich von der Aufmerksamkeit überzeugt hat, fügt sie hinzu: „Ficken!“
Das Gesicht des Teamleaders hellt sich auf. „Ja, genau! Das ist es doch! Doch, das tatscht mich total! Geil! Ja, ficken ist geil!“ Er dreht seinen Glatzkopf in die Runde. „He, was meint ihr? Ficken ist doch geil, oder?“
Die Kreativen stimmen lustlos zu. „Ja, schon.“ – „Krass.“ – „Doch, ja, sehr geil.“ Borstel hebt zögerlich die Hand. „Naja, schon, also, ich will das jetzt nicht total dissen hier, aber irgendwie… – vielleicht sollten wir mehr auf den Kunden eingehen. Also ich meine, Popel war jetzt auch nicht so richtig geil, aber was ist denn, wenn wir mehr so auf das Verkaufen abstellen. Vielleicht nehmen wir lieber: ‚BLÖD!‘? Und als Untertitel: ‚Kaufen, ihr Idioten‘? Das haben wir schon mal so ähnlich gemacht, für einen Elektronikmarkt.“
Die Chefglatze wiegt den Kopf. Das bedeutet, der Vorschlag hat eine Chance. „Ja, okay, da gehe ich mit. Und ich erinnere mich. Aber der Meter-Markt hat damals die Exklusivrechte für blöd gekauft. Geht also nicht. Aber wir können „KAUFEN!“ nehmen. Das ist noch frei. Oder noch besser: VERKAUFEN! Das ist total simpel und deswegen genial, versteht ihr? Das ist ganz direkt an der Sache dran und spricht den EV direkt auf emotionaler Ebene an. Und kommt dabei total überraschend. Oder etwa nicht?“
Janine wagt als Einzige einen vorsichtigen Einwand: „Aber ist das nicht zu direkt an der Sache? Ich meine, dass der Endverbraucher im Laden was kaufen sollen, das weiß er doch schon? Ich dachte, der Spruch soll sich irgendwie vom Mitbewerber abheben und ein Alleinstellungsmerkmal…“ – „Jaja“, unterbricht Bastel-Basti die Neue. „ist ja toll, was Du da so beim Studium gelernt hast, aber das hier ist die Wirklichkeit. Und eines gleich mal generell: der Verbraucher ist bekloppt, klar? Der braucht das so. Der weiß absolute gar nichts, und ohne uns hier wäre der total aufgeschmissen. – Ja? – Wir machen hier einen total wichtigen Job.“
Janine lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Archimedes kommt ihr zu Hilfe. „Ja, okay, der Endverbraucher ist bekloppt, soweit alles klar, aber wir könnten es wenigstens noch irgendwie ankuhlen, oder? Nicht ‚kaufen‘, das ist irgendwie zu deutsch oder so. Und außerdem zu lang. Kurz ist geil, sag ich immer.“
Janine kichert leise.
„Okay“, sagt Bastel-Borstel, „also nehmen wir ‚VERKAUF‘. Das „en“ ist gestrichen. Und natürlich englisch, soll ja kuhl sein. Also ‚SALE‘. Noch Einwände?“ Der Chef triumphiert in die Runde.
Nur so müsste es abgelaufen sein, wenn „Sale“ die Idee einer Werbeagentur sein soll. Und jetzt mal ehrlich: ist das wirklich vorstellbar? Eben. Und deswegen kann es sich nur um ein neues Gesetz handeln.
Gelesen am 24.02.2010