So ein Tag, so wunderschön wie heute!

Es gibt die Situationen, die möchte man im Moment des Erlebens leugnen und im Moment des Erinnerns nicht missen. Wenn Sie so etwas nicht kennen, fahren Sie doch mal in das Zittauer Gebirge und setzen Sie sich in die Schmalspur-Dampfbahn von Zittau nach Jonsdorf oder nach Oybin.

Ich muss an dieser Stelle vorausschicken, dass wir – meine Freundin und ich – an jenem Abend im Mai zur Benutzung der Dampfbahn gezwungen waren, wenn wir nicht zwei Stunden auf einen Bus warten oder den Rest unseres Lebens im Zittauer Gebirge verbringen wollten. Wir hatten eine fünfstündige Wanderung durch das kleinste Mittelgebirge Deutschlands hinter uns und hätten wahrscheinlich auch rücklings auf einem Schwein Platz genommen, nur um unsere Füße endlich zu entlasten. Dies zur vorsorglichen Entschuldigung für unsere Duldung des kommenden Geschehens. Denn es sollte Schlimmeres auf uns zukommen, als der Ritt auf einem Schwein.

Obwohl bei schönem Wetter und einer geschätzten Höchstgeschwindigkeit von vierzig Kilometern pro Stunde nichts näher liegt, war uns dennoch nicht bewusst, dass es Bahnwaggons in Cabrio-Ausführung gibt, also: oben ohne. Ein Eisenbahn-Waggon ohne Verdeck, ohne Dach. Da drin – oder besser: da drauf, denn ein Innen gibt es ja nicht – sitzen dann die Touristen und finden es noch so schön, während sie mit gemächlicher Geschwindigkeit durch den Sonntag ruckeln. Und wir ruckelten an diesem bis dahin harmlosen Sonntag im Cabrio-Waggon mit.

Ich stelle mir vor, dass diese Szene, von oben betrachtet, wie der Blick auf eine kitschig-liebevoll gebastelte Modelleisenbahn gewirkt haben muss. Aber es war alles echt. Die Landschaft zog gemütlich vorbei, die Lok presste ihren typischen Dampflok-Ruf aus dem schwarzen Gehäuse, und in den Orten standen Gartenfreunde an den Zäunen und winkten. Ja wirklich: Einheimische standen da auf ihrem Grundstückchen und winkten beglückt einem Ereignis zu, das nach grober Überschlagsrechnung bereits dreitausend Mal vor genau ihren gleichen Augen auf genau die gleiche Weise stattgefunden hat. Die Vögel zwitscherten, und das Bier war kühl und gut. Die Welt kann so schön sein aus der Perspektive einer Schmalspurbahn mit echter Dampflok. Zum perfekten deutschen Sonntag Nachmittag fehlte jetzt eigentlich nur noch die Blaskapelle.

Von wegen! Die fehlte ganz und gar nicht. Die war da! Vor unserem befand sich ein weiterer Cabrio-Waggon, und auf diesem stand und saß eine ausgewachsene Blaskapelle mit allem, was dazu gehört, inklusive einem Sänger und zwei Sängerinnen, letztere gewandet mit einem Kleid, das einerseits entfernt an eine Tracht erinnerte, andererseits voll kompatibel zu Fernsehsendungen wie „Dem Großen Fest der Volksmusik“ war. Dazu ein eingraviertes Dauergrinsen und als Waffe ein Mikrofon mit nachgeschalteter Verstärkeranlage. Die Kapelle und insbesondere die beiden Sängermädels verbreiteten eine Fröhlichkeit, die mir heute noch Angst macht. Heiterkeit als Zwangsneurose.

Mit uns im Wagen war noch eine Gruppe Touristen aus dem südwestdeutschen Raum, wenn man dies aus ihrer Mundart einfach so schließen darf. Dann ein weiteres Paar mit Kind und einige Einzeltouristen. Alle außer uns schienen das Spektakel entweder zu kennen oder einfach für ganz normal zu halten. Jedenfalls wunderte sich niemand über die Zwangsbespaßung aus dem vorderen Waggon. Die Foltermethode des mobilen Klangkörpers war perfide: damit ihre Opfer nicht zu schnell das Bewusstsein und damit die Schmerzfähigkeit verlieren, machten die Musiker nach höchstens zwei Titeln eine Erholungspause. Ich habe so etwas mal in einem Mafia-Film gesehen, wo ein zynischer Mafia-Boss zu seinem Folterknecht sagte: „Sergio, lass ihn sich erst erholen. Er soll doch noch den dritten Teil genießen…“

Solche Gedanken im Kopf, bemerkte ich plötzlich eine weitere akustische Störung, die aber nicht von der Kapelle verursacht wurde. Es war ein hässlicher und penetranter Pfeifton, der teilweise der Melodie von „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ folgte, welches die Kapelle gerade spielte. Die Quelle der Bonus-Marterei war ein betagter, aber nicht wirklich alter Mann, den ich unter den Fahrgästen übersehen haben musste. Vielleicht handelte es sich auch um einen Außerirdischen, der sich soeben erst materialisiert hatte oder um den Leibhaftigen selbst. Sein Art und Weise jedenfalls, die Melodie des Schunkel-Schlagers mitzupfeifen, war durchaus geeignet, mir nun doch noch einen gewissen Respekt vor den Qualen der Hölle einzuflößen und mich zu fragen, wie sicher ich ignoranter Agnostiker eigentlich sein kann, dass die Katholiken nicht vielleicht doch Recht haben. Und falls sie Recht haben: dieser Pfeifer des Grauens dort kommt bestimmt in die Hölle und ich vielleicht auch – und dann müsste ich mir für alle Ewigkeit dieses Pfeifen anhören.

Der Mann pfiff mit einer missionarischen Nettigkeit, die manche Menschen annehmen, wenn sie sonst alles im Leben verloren haben, insbesondere einen Sinn. Man konnte der Körpersprache und der Mimik des Mannes entnehmen, dass er sein Tun für edel und wunderbar und insbesondere seine Pfeifkünste für überragend hielt. Er schien mir von der Sorte Menschen, die sich selbst Glück und Zufriedenheit vorspielen, um sich am Nachdenken zu hindern. Oder er war Anhänger einer Sekte und sein Hirn bereits soweit durchweicht, dass er jenen Irren glich, die die Welt nicht mal ansatzweise begreifen, sie aber toll finden, sobald die Sonne scheint. Die nur deshalb dauergrinsen, weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen und weil ihnen die Intelligenz fehlt, die Mechanismen des Bösen und Schlechten zu durchschauen.

Ich stand auf, ging zu dem Mann und fragte ihn, ob er beabsichtige, sein Kunst-Engagement auch irgendwann wieder einzustellen. Er wurde böse: „Ich habe eine Fahrkarte gekauft und bin hier genau so ein Fahrgast wie Sie!“ Nach meinem Hinweis, nie behauptet zu haben, er befände sich illegal im Waggon, wurde er noch böser und entrüstete sich mit den Worten: „Mir geht es heute sehr gut! Und Sie können mich nicht daran hindern und mir das Pfeifen verbieten!“ Aha. Also wohl doch der Irre mit dem Glauben an die schöne Welt. Ich antwortete: „Aber mein Herr, entschuldigen Sie bitte, da haben Sie mich missverstanden. Ich würde doch nie auf die Idee kommen, Ihnen das Pfeifen zu verbieten! Ich möchte Sie nur darum bitten.“

Die finstere Mine des Kunstpfeifers erhellte sich schlagartig. „Ja, so – das ist etwas anderes. Sehen Sie, so sind wir auf einer Wellenlinie.“ Ich verkniff mir die Korrektur der Redewendung und sah ihn einfach freundlich an. Er fuhr fort, als hätte er die ganze Zeit gehofft, mit mir ins Gespräch zu kommen und vielleicht sogar nur deshalb zu pfeifen begonnen, damit ihn einer ansprach. Seine Stimme bekam jetzt diese singsangartige Melodie, wie sie bei extremistischen Gutmenschen üblich ist. „Wissen Sie, wenn es so ein schöner Tag ist und es einem gut geht, dann pfeif ich mir schon mal gern eine Melodie. Denn Gott hat uns die Sprache gegeben und die Musik. Und wer mit der Musik nichts anfangen kann, kann auch mit der Sprache nichts anfangen.“ Die Klarstellung, dass nach meiner Auffassung die Geräuschabsonderungen dieses Kapellenfrachters nicht wirklich in die Kategorie „Musik“ fallen, hielt ich in diesem Moment für taktisch ebenso unklug wie die Provokation einer Diskussion über Gottes Absichten oder sogar über meine These, dass jede Aussage über Gottes Absichten, ja jede Aussage über Gott selbst bereits Blasphemie ist, weil zum abendländischen Gottesverständnis ja dessen Unergründbarkeit gehört und deshalb schon die Behauptung eines solchen, nämlichen unergründlichen Gottes in sich absurd ist. Ohne die Eigenschaft der Unergründlichkeit fehlt dem Gott aber ein wichtiges Element der Macht und der Abgrenzung vom Menschlichen, was die Göttlichkeit und damit die Religion erneut schwer in Frage stellt. Das alles behielt ich in diesem Moment für mich, denn der Mann hätte mich sonst vielleicht missverstehen und annehmen können, ich wolle ihm den schönen Tag verderben. Wo ich doch aber nur die abendländische Religion in Frage hätte stellen wollen.

Jedenfalls gab ich ihm zunächst mal Recht, denn das wirkt bei missionarisch geprägten Menschen meist Wunder. So auch hier. Er versicherte mir, sich nur noch ein kleines Ständchen gönnen zu wollen und erbat sich schließlich noch die Erlaubnis, kurz vor seiner Zielstation ein Abschiedskonzert pfeifen zu dürfen. Die Bitte gewährte ich ihm gnädig. Ich setze mich wieder auf meinen Platz, küsste meine Freundin und dachte, damit sei es getan.

War es nicht. Nun, das Pfeifen war beendet. Aber dafür hatten wir nach etwa 30 Sekunden eine neue Reisebegleitung. Gottes Pfeife war mir hinterher gelaufen, setzte sich neben uns und begann, mich zu meiner Zivilcourage, wie er es nannte, zu beglückwünschen: „Wissen Sie, vielleicht haben noch andere Fahrgäste sich an meinem Pfeifen gestört.“ Ich nickte innerlich heftig. Herr Pfeifer fuhr fort. „Aber fast alle ärgern sich still und unternehmen nichts. Und so lassen wir uns tagtäglich alles Mögliche gefallen. Wir gehen unseren Weg, wissen aber nicht wohin und lassen uns alles gefallen. Wissen Sie, was die beiden meist missbrauchten Wörter sind?“ Ich wußte es nicht, aber machte mir deshalb keine Sorgen. Geduldig wartete der Alte, dass ich um Aufklärung bitten würde. Dabei beugte er sich immer näher zu mir herüber, um quasi mit der Androhung einer folgenden körperlichen Berührung mein Verlangen nach des Rätsels Lösung zu erpressen. Ich hielt es für denkbar, dass er mich am Ende küssen würde und fragte deshalb schnell: „Na, welche sind es denn?“ – „Liebe und Demokratie!“ triumphierte mein Pfeifgenie. Das versprach jetzt also doch noch ein böses Ende zu nehmen, denn ich würde eher mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt kommen und den Erzengel über Bord werfen, als mir vom Vortrag dieses pfeifenden Philosophen die schöne Zugfahrt verderben zu lassen!

Habe ich „schöne Zugfahrt“ gedacht?

Was den weiteren Verlauf des Geschehens betrifft, kann ich nicht mehr rückblickend zwischen Wahrheit, Traum und verfälschter Erinnerung unterscheiden. Ich weiß nur noch sicher, dass ich nicht straffällig werden musste, denn der Pfeifer brach sein Philosophieseminar zum Thema Liebe und Demokratie überraschend ab. Als ich kurz zu ihm herüber sah, nickte er mir zu, als wollte er sagen: „Jaja, so ist es doch schön, nicht wahr?“

Ja, muss ich schon zugeben. Ist doch gar nicht so schlecht hier. Vor allem jetzt, wo er nicht mehr pfeift und man ungestört der Musik lauschen kann. Habe ich „Musik“ gedacht? Ja, das habe ich wohl. Aber jetzt klingt das auch irgendwie besser; eigentlich könnte man ein bisschen im Rhythmus mitwippen oder so. Und was die da singen: „Komm mit in die Oberlausitz…“ ist doch so schlimm nun auch wieder nicht. Warum nicht. Die haben doch hier nur Tourismus, sonst nichts. Die Sonne scheint, ich sitze in einer nostalgiegetränkten Schmalspurbahn mit echter Dampflok, die Vögel zwitschern, das zweite Bier ist auch schön kühl… Ich grinse meine Freundin an und sehe dabei vermutlich wenig intelligent aus, denn ich ernte einen fragend-entsetzten Blick. „Was ist denn mit Dir los?“ höre ich ihre Gedanken. „Nichts, alles gut, antworte ich.“ Die Kapelle spielt noch einmal „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Ich erwische mich beim Zurückwinken zu den Gartenfreunden, aber ich finde mich nett dabei. Und schließlich, zuerst ganz leise, dann lauter und vergnügt, pfeife ich die Melodie mit. Nur so für mich. Was für ein schöner Tag!

 

Andreas Vent-Schmidt
Gelesen am 27. Mai 2009