Willkommen in Cottbus!
Seit kurzem habe ich in Cottbus einen Nebenwohnsitz. Warum, werden Sie jetzt fragen, zieht jemand nach Cottbus? Man zieht aus Cottbus weg, aber doch nicht hin! Nein, auch nicht als Nebenwohnsitz!
Nun ja: Berlin war mir irgendwie zu provinziell. Und außerdem habe ich den Eindruck, daß es mit Berlin bald zu Ende geht. Der Stadtbezirk Prenzlauer Berg zum Beispiel ist kein eigener Stadtbezirk mehr, sondern wurde von Pankow aufgekauft. Wahrscheinlich eine feindliche Übernahme. Und ganz bestimmt billig zu haben. Kein Wunder, denn der Prenz'lberg sieht inzwischen aus wie ein Notaufnahmelager für kulturinteressierte Öko-Fundamentalisten aus dem Westen. Die sind natürlich kinderreich, wie die meisten sozialen Randgruppen. Das sieht man überall auf der Welt. Die traurige Liste der globalen Krisen liest sich jetzt etwa so: Afghanistan, Somalia, Prenzlauer Berg. Cottbus steht noch nicht auf dieser Liste, und deshalb bin ich nach Cottbus gezogen. In Berlin hatte ich zwar auch nur Nebenwohnung, aber selbst das schien mir zu riskant. Wie man so sagt: die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Wobei ich mich frage, was sie davon haben, ein sinkendes Schiff zu verlassen. Ist es schöner, ohne Schiff zu ertrinken, als mit Schiff?
Jedenfalls bin ich nach Cottbus gezogen, und das war eine gute Entscheidung. Ich bin auf dem Bürgeramt gewesen und habe meine Bürgerpflicht erfüllt, mich hier als neuer Einwohner zu melden. Dabei hatte ich auch insgeheim die Hoffnung gehegt, mit meiner Meldung die Zahl von einhunderttausend Einwohnern wiederherzustellen. Wäre doch schön, hatte ich gedacht, wenn ich so nebenbei mit meiner Einwohnermeldung der Stadt gewissermaßen ein kleines Geschenk machen könnte: die hunderttausend wieder voll, super! Mir wäre es dabei gar nicht um großen Ruhm oder so gegangen, zumal ich weiß, daß die Stadt Cottbus im Moment sowieso kein Geld für ein angemessenes Denkmal mit Triumphbogen und Ruhmeshalle gehabt hätte. Obwohl sich so eine Anlage recht gut an der Stelle des ehemaligen Blechen-Carrés machen würde.
Auf dem Bürgeramt wartete ich ungeduldig, daß meine Nummer auf der Anzeigetafel zu sehen sein würde. Als das der Fall war, eilte ich freudig erregt zu dem Platz Nummer 7, den die Anzeigetafel mir angewiesen hatte. Dort empfing mich eine nette Sachbearbeiterin, die diesen furchtbaren Titel eigentlich nicht verdient hat, denn sie war wirklich sehr freundlich und hilfsbereit. Auf meine Frage, ob ich denn der ersehnte Hunderttausender wäre, folgte aber die ernüchternde Antwort, daß ein Zweitwohnsitz bei der Ermittlung der Einwohnerzahl nicht berücksichtigt würde. Auch die Tatsache, daß ich früher schon mal in Cottbus gewohnt habe, und zwar mit Hauptwohnsitz, konnte keine Besserung in dieser Frage bewirken. Es konnte also nichts werden mit dem Abriß des Blechen-Carrés und nichts mit dem Denkmal – nicht einmal, falls Cottbus zu Geld kommen sollte. Die Sachbearbeiterin und ich waren jetzt beide traurig und begannen, apathisch den Meldezettel auszufüllen. Der wollte zum Beispiel wissen, ob ich mir die Zweitwohnung aus beruflichen oder privaten Gründen leiste. Es war nicht vorgesehen, beides anzukreuzen. Wir ließen die Frage aus. Dann folgte die Anforderung gerichtsfester Beweise für die Existenz der behaupteten Wohnung. Als Beleg würde aber bereits der Original-Mietvertrag ausreichen. Die Sachbearbeiterin erwähnte an dieser Stelle, die ganze Prozedur habe mit der Zweitwohnungssteuer zu tun. Um ganz ehrlich zu sein: nie hätte ich geglaubt, daß es Leute gibt, die sich mit angeblichen Mietverhältnissen für nicht existente Wohnungen die Zahlung von Zweitwohnungssteuer erschwindeln! Mich beschlich schon an dieser Stelle das ungute Gefühl, es wäre besser gewesen, den Gang zum Bürgeramt zu unterlassen. Wie recht ich damit hatte, sollte sich aber erst Tage später erweisen. Jetzt saß ich zunächst in der Falle, denn ich hatte den Mietvertrag als unbestechliches Beweisstück zufällig dabei und dies in einem Anfall von Unaufmerksamkeit auch zugegeben.
Die nächste Frage betraf den Grad von Komfort und Prunk der Wohnung und war dazu geeignet, mein Weltbild ins Wanken zu bringen. Ich mußte ankreuzen, ob die Wohnung über Fenster verfügt, ob sie beheizbar ist und ob es irgendeine Art von Abwasser-Entsorgung gibt. Mir stockte der Atem. Oh nein, wie blind kann man sein! Ich hatte ja keine Ahnung gehabt, daß es um Cottbus noch schlechter steht, als um den Prenzlauer Berg. Gleichzeitig schämte ich mich, ein so luxuriöses Domizil bezogen zu haben, wie es meine Wohnung offenbar für Cottbuser Verhältnisse darstellt. Ich verfüge darin nämlich nicht nur über Heizung und Fenster, sondern neben Abwasser auch über Trinkwasser, Toilette und Bad. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur die Beteuerung beibringen, von den durchschnittlichen Wohnverhältnissen in der Niederlausitz wirklich nichts gewußt zu haben. Ich bin nicht religiös, aber als ich das Bürgeramt mit diesen schrecklichen Erkenntnissen verließ, wandte ich mich in Gedanken an „irgendeinen Gott da oben“ und bat um Läuterung und Buße.
Bereits ein paar Tage später wurde ich erhört. Die Buße kam in Form eines Briefes. Er stammte von der Stadtverwaltung Cottbus, Abteilung Finanzen, und enthielt den Bescheid über die Festsetzung der Zweitwohnungssteuer. Rund fünfhundert Euro soll ich fortan jährlich bezahlen, um für meinen dekadenten Hedonismus zu büßen. Ich gebe zu: es hätten nicht unbedingt Fenster sein müssen, aber sind fünfhundert Euro nicht trotzdem ein wenig hart?
In Berlin habe ich weniger als 200 Euro Zweitwohnungssteuer bezahlt, und das auch nur, weil ich mehr als ein Jahr dort gemeldet war. Sonst wäre es steuerfrei gewesen. Diese Regelung wurde übrigens von Marketingstrategen getroffen, damit der Hauptstadt-Werbeslogan „arm, aber sexy“ auch stimmt. Bis jetzt stimmt er schon mal für den ersten Teil; am zweiten wird in Berlin noch gearbeitet.
Cottbus hat vermutlich andere Werbestrategen beauftragt. Ich denke, die haben einen Slogan wie: „reich, aber uncool“ in der Tasche, der bald der Öffentlichkeit präsentiert werden soll. Vielleicht dann, wenn der erste Teil auch endlich stimmt. Damit das möglichst rasch eintritt, erhebt Cottbus eine Zweitwohnungssteuer, die mir das berauschende Gefühl gibt, über unbegrenzte finanzielle Mittel zu verfügen. Andere Städte, wie etwa Görlitz, erheben gar keine Zweitwohnungssteuer. Aber Görlitz hat ja auch einen anonymen Spender, der jedes Jahr eine halbe Million Euro in die Stadtkasse füllt. Das ist ziemlich cool, weswegen ich Görlitz den Slogan „reich und total cool“ vorschlagen möchte. Gerüchten zufolge soll es sich bei dem Spender um den bekannten Bundesliga-Fußballer und gebürtigen Görlitzer Michael B. handeln. Görlitz verdient also am Fußball mit nur einem einzigen Spieler mehr, als Cottbus mit einem ganzen Club. Es sei denn, die Spieler des Fußballclubs sind in Cottbus alle mit einem Zweitwohnsitz gemeldet. Ich weiß nicht, ob das so ist, aber wenn es so wäre, müßte die Stadt bald reich sein, sehr reich. Und wenn besagter Fußballclub doch noch einmal den Klassenerhalt schaffen sollte, wäre sie auch noch sehr cool. Willkommen in Cottbus!
Andreas Vent-SchmidtGelesen am 25. März 2009