Wirtschaftswachstum echt einfach
Das moderne Leben hält eine Vielzahl kleiner, aber faszinierender Einrichtungen für uns bereit, die leider allzu oft im alltäglichen Trott übersehen werden, obwohl sie bedeutsam und aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind. Manche davon haben sogar das Potential, unsere Wirtschaft gewaltig in Schwung zu bringen. In Zeiten der globalen Rezession halte ich es für meine Pflicht, eines dieser Rädchen des großen Alltagszahnwerkes ausgiebig zu würdigen und konkrete Vorschläge zur Steigerung seiner Effizienz zu machen. Ich rede von der kostenlosen Anzeigenzeitung.
Dabei geht es mir nicht um die Betrachtung des Inhaltes solcher Blätter, sondern um deren kompletten Lebenszyklus. Wenn die Zeitung also fertig geschrieben, gestaltet und gesetzt ist, geht es ans Drucken. Dazu wird natürlich eine Druckmaschine eingerichtet und Papier herangeschafft. Wohl meist mit dem LKW, denn diese Papierrollen sind höllisch schwer.
Die fertig gedruckten, geschnittenen und gefalzten Zeitungen werden dann von der Druckerei zum Auftraggeber oder einer anderen Stelle gebracht, von der aus sie weiter verteilt werden sollen. Dieser Transport wird wohl in aller Regel auch mit dem LKW erfolgen, oder haben Sie schon mal versucht, eine Palette Anzeigenzeitungen anzuheben?
Danach schlägt die Stunde der Anzeigenzeitungsverteiler. Die fahren zur Verteilstelle, nehmen sich eine bestimmte Anzahl der Zeitungen, packen diese in ihr Auto – oft ist es der private PKW, manchmal auch ein Dienstwagen des Verlages – und fahren damit zu ihrem Verteilbezirk. Manchmal wird den Verteilern auch die benötigte Menge irgendwohin gebracht, zum Beispiel in abgelegenen Wohngegenden. Ja, mit dem LKW.
Danach passiert das Wunderbare: wenn die kostenlose Anzeigenzeitung trotz Verbotsaufklebers am Briefkasten in selbigem gelandet ist, entnimmt der potentielle Leser das Werk und wirft es ungelesen in die Papiertonne oder wenigstens schon mal in einen extra für diesen Zweck von der Hausgemeinschaft bereitgestellten Sammelbehälter. Was achtlos und nachlässig erscheint, ist aber in Wirklichkeit der wichtigste Teil des großen Planes, der mit dieser Handlung überhaupt erst funktioniert.
Denn nun ergibt es sich ganz von selbst, daß die Papiertonne recht bald voll ist und geleert werden muß. Dazu fährt ein LKW der jeweiligen städtischen oder privaten Entsorgungsfirma durch die Stadt, holt die Tonnen aus den Höfen der Häuser und kippt deren Inhalt in das Fahrzeug. Das Papier wird dann zum Recycling gebracht, wiederverwertet und dann entweder für eine noch rangniedrigere Zeitung als Druckpapier verwendet oder gleich zu Toilettenpapier verarbeitet.
Es sollte jetzt jedem klar sein, mit welch einfachen, aber eben durchdachten Mitteln eine ganze Reihe von Menschen Sinn und Beschäftigung finden und nicht zuletzt auch ihr täglich Brot verdienen. Ich möchte nur die allerwichtigsten in alphabetischer Reihenfolge nennen: Anzeigenredakteure, Anzeigenverkäufer, Entsorgungsauto-Kraftfahrer, Drucker, Grafik-Designer, Journalisten, Kantinenmitarbeiter und -mitarbeiterinnen, Schmierfinken (die sich für Journalisten halten), Setzer, Zeitungsverteiler.
Das ist aber erst der Anfang. Fast noch wichtiger ist die ganze Zulieferindustrie und was sonst noch alles dranhängt: Automobilbau (PKW und LKW), Fahrlehrer, Förster, Holzfäller, Druckfarbenhersteller, Druckmaschinenbauer, Kfz-Mechaniker, Marketing-Leiter in einem anzeigenschaltenden Unternehmen, Papier-Hersteller, Papiertonnen-Hersteller, Tankwart, Verkehrspolizist, um wiederum nur einen kleinen, beispielhaften Ausschnitt zu geben. Ich lasse an dieser Stelle zugunsten der Kürze dieses Textes bewußt die Mineralölindustrie und angrenzende Berufe, wie zum Beispiel Kamelzüchter, Diplomat und Finanzbeamter weg.
Obwohl dieser Kreislauf in seiner Vollkommenheit bereits Anlaß zu Ehrfurcht und Staunen gibt, birgt er dennoch Möglichkeiten zur Optimierung. Einige davon möchte ich bei dieser Gelegenheit nennen und zu deren Realisierung anregen.
So könnte als einfachste Maßnahme zum Beispiel die Anzahl der Zeitungen vervielfacht werden, um noch mehr Menschen Arbeit und Lohn zu geben. Natürlich ist mir klar, daß das nicht einfach so aus dem Nichts zu machen ist. Immerhin müssen sich ja auch Unternehmen finden, die das alles finanzieren, indem sie die Anzeigen bezahlen. Aber man könnte doch die bestehenden Anzeigenzeitungen einfach teilen. Die meisten von ihnen, wahrscheinlich sogar alle, bestehen doch aus mehreren Einzelbögen, die, als Doppelseiten übereinander gelegt und gefalzt, dann die Gesamtzeitung ergeben. Wenn nun etwa eine Zeitung aus drei oder sechs Bögen besteht, könnte man die dritteln und statt an einem an drei Tagen in der Woche ausliefern. Mit dieser sehr einfachen Maßnahme könnte der Fahraufwand beim Verteilen bereits verdreifacht werden, woraus sich auch ein dreifacher Umsatz für die Mineralölindustrie, den Automobilbau, die Kfz-Mechaniker, Kantinenarbeiter, Tankwart, Zeitungsverteiler sowie Verkehrspolizisten ergäbe.
Leider nicht für Anzeigenredakteure, Anzeigenverkäufer, Entsorgungsauto-Kraftfahrer, Drucker, Grafik-Designer, Journalisten, Schmierfinken, Fahrlehrer, Förster, Holzfäller, Druckfarbenhersteller, Druckmaschinenbauer, Marketing-Leiter in einem anzeigenschaltenden Unternehmen, Papier-Hersteller und Papiertonnen-Hersteller.
Aber auch dafür gibt es Lösungen. Zunächst mal sollte man die Synergie-Effekte nutzen, die ohne jeden Zweifel bei der Umsetzung des ersten Vorschlags eintreten werden: durch den erhöhten Bedarf in der Mineralölindustrie, beim Automobilbau, sowie bei Kfz-Mechanikern, Kantinenarbeitern, Tankwarten, Zeitungsverteilern sowie Verkehrspolizisten werden in diesen Branchen neue Arbeitsplätze geschaffen, und zwar durch neue Unternehmen. Diese Unternehmen wiederum benötigen Anzeigen in kostenlosen Anzeigenblättern. Man könnte, oder besser: müßte also neben der Teilung der Anzeigenblätter weitere Ausgaben produzieren. Wenn wir zum Beispiel annehmen, daß die geteilte, ursprüngliche Ausgabe am Montag, Mittwoch und Freitag erscheint, könnte die zweite, zusätzliche Ausgabe ebenfalls geteilt werden, und zwar diesmal halbiert, und am Dienstag und Donnerstag erscheinen.
Dadurch würden also auch Anzeigenredakteure, Anzeigenverkäufer, Entsorgungsauto-Kraftfahrer, Drucker, Grafik-Designer, Journalisten, Schmierfinken, Fahrlehrer, Förster, Holzfäller, Druckfarbenhersteller, Druckmaschinenbauer, Marketing-Leiter in einem anzeigenschaltenden Unternehmen, Papier-Hersteller und Papiertonnen-Hersteller vom Wirtschaftswachstum profitieren.
Dieser bereits sehr beeindruckende Plan kann bei Bedarf noch weiter ausgebaut werden. So ist es denkbar, jedem potentiellen Leser statt eines mehrere Exemplare der Anzeigenzeitung in den Briefkasten zu stecken. Weil das ab zirka 12 Exemplaren möglicherweise Platzprobleme im Kasten verursacht, entsteht quasi automatisch weitere Nachfrage nach Produkten, nämlich zum Beispiel größeren Briefkästen. Damit kämen auch Briefkastenhersteller, Filzstift-Produzenten und die komplette Schrauben- und Dübelindustrie zu mehr Aufträgen, um auch diesen Effekt nur kurz anzudeuten.
Alternativ oder ergänzend zu dieser Maßnahme könnte sich auch ein komplett neues Geschäftsmodell durchsetzen: nehmen wir an, der Zeitungsverteiler fährt mit seinem Sattelschlepper (an dieser Stelle seien noch die Thermoskannenhersteller zu ihrer verbesserten Auftragslage beglückwünscht) an der Haustür des Kunden vor und entlädt die Palette Zeitungen für die acht bis zehn Mietparteien (hatte ich eigentlich schon die Gabelstapler- und Hubwagenproduzenten erwähnt?). Im Hausflur steht ein sogenannter Anzeigenzeitungsumschläger, kurz AZUM, bereit und bewacht die Palette bis zum Eintreffen des Entsorgungsfahrzeugs. Der AZUM ist ein ganz neues Berufsbild, welches hier durch mein Konzept entstanden ist. Das Entsorgungsfahrzeug kippt die Palette mit Hilfe eines Spezialkrans (ja, auch der Schwermaschinenbau frohlockt!) in das Entsorgungsfahrzeug und bringt dann die Zeitungen zum Recycling.
Bei guter Organisation und genauer Einhaltung meines Konzeptes würde sich das Bruttosozialprodukt innerhalb kürzester Zeit nach vorsichtigen Schätzungen verfünfzigfachen. Wichtigste Voraussetzung für den Erfolg ist aber, daß auch weiterhin kein Mensch diese Käseblätter liest.
Andreas Vent-Schmidt
Gelesen am 25. März 2009