Ich lese gerade...

Christoph Hein: Frau Paula Trousseau

Wer im Winter ohnehin schon zu Depressionen neigt, sollte dieses Buch im Sommer lesen. Es ist so etwas wie ein sachlicher, mit Kapiteln aus neutraler Erzählperspektive gemischter Lebensbericht einer Malerin, die eigentlich nichts anderes versucht, als sich durchzusetzen, die in ihrer Art zu leben akzeptiert sein will. Dabei stößt sie auf Widerstände und Konflikte, die einerseits durch das politische System der ehemaligen DDR und durch ein schreckliches Elternhaus, andererseits aber auch durch ihre eigene Unfähigkeit, rechtzeitig Verantwortung zu übernehmen, begründet sind.

Wir begegnen einer eigensinnigen Frau, die lieben und geliebt sein will, aber als Kind keine Liebe erfahren hat. Als Figur schreibt sie ihre „Biographie“ so authentisch und kühl nieder, dass ich als Leser fast vergesse, dass der Autor ein Mann ist und dass das Buch eben keine echte Biographie, sondern eine gekonnt erdachte Geschichte ist, die an jeder Stelle glaubhaft und sehr bewegend daherkommt.

Das Buch hat in der gebundenen Ausgabe über 530 Seiten, die aber an keiner Stelle zuviel erscheinen und sich „weglesen“ – man muss nur bereit sein, das Leben auch in seinen melancholischen Seiten zu akzeptieren.


Weitere Buch-Empfehlungen von Andreas Vent-Schmidt gibt es im Buchtip-Archiv („Ich habe gelesen“).